Der Hierophant führt uns in unserer Reise durch das Tarot in eine neue Ebene. Wir haben die Reise als Narr begonnen, vollkommen nackt und frei – mit einer Fülle an unendlichen Möglichkeiten. Wir waren ein unbeschriebenes Blatt Papier. Mit dem Magier haben wir uns manifestiert und in der Hohepriesterin haben wir gelernt, dass es nicht nur uns selbst, sondern auch ein Gegenüber gibt. Unsere irdische Kraft kannte nun das Yin und das Yang des Lebens. Mit der Kaiserin konnten wir das Yin im Yang und das Yang im Yin erkennen, wir haben gelernt zu reflektieren. Die letzte Station vor dem Hierophanten vollendete alles irdische Dasein. Der Kaiser ist nun Herr über die Elemente, über sein eigenes Reich.

Wir aber wissen, es gibt mehr als Feuer, Wasser. Luft und Erde. Genau hier kommt unsere fünfte Station des Lebens ins Spiel, wir blicken über die irdischen Grenzen hinaus und erhalten eine Ahnung vom großen Geist, dem Äther, der kosmischen Energie oder wie immer du es nennen möchtest. Dieses Reich zu betreten lehrt uns der Hierophant.

Wahrsagerin mit Tarot Karten - Kerzen

Der Hierophant

Er wird auch der Hohepriester oder der Papst genannt. Der Hierophant ist die Nummer Fünf des Tarots. Er ist dem Stier und somit auch der Erde zugeordnet. Letzteres macht auch Sinn, da er Himmel und Erde miteinander verbindet.

Der Hierophant ist der Eingang zum Tempel des Alten Wissens. Er ist der weise  Lehrer, die innere Stimme, welche uns führt. Die Stimme, die uns dazu aufruft, den eigenen inneren Weg zu finden. Mit dieser Karte begibst du dich auf die Suche nach deiner eigenen Wahrheit.

Der Hierophant ist ein Seher, ein Philosoph – wenn du willst, ein Guru. Sein Wissen geht über das Weltliche hinaus und ist ebenso in den Dimensionen des Geistes verankert.

Der Einganz zum Tempel der Mystik

Der Hierophant ist mit den großen Mächten der Mystik eng verwoben. Er kann auch für die Religion stehen, aber es wäre fatal ihn auf diese Rolle zu reduzieren. Er kennt die Geheimnisse der Initiation und ist bereit dich in das Reich der Mystik zu führen. Wir brauchen den Hierophanten, denn er bewahrt alle Traditionen des Alten Wissens.

In ihm sind alle spirituellen Kräfte gebündelt. Bist du bereit dich ihm zu öffnen, so wartet eine Fülle an inneren Schätzen auf dich, aus denen du auf deinem weiteren Weg durch das Tarot schöpfen kannst. Der Hierophant bietet dir an, Wissen zu sammeln, deine Erkenntnisse über den Tellerrand hinaus zu erweitern. Kurzum, er bringt dich näher an die Geheimnisse des Lebens.

Der Wille diese Reise anzutreten, muss aus dir selbst erwachen. Der Hierophant ist keiner, der Andere bekehrt. Sich ihm anzuschließen und somit die eigene Reise über das Irdische hinaus anzutreten, ist nur möglich, wenn es ganz und gar freiwillig geschieht.

Der Hierophant hilft deinen Pfad zu finden

Setzt du mutig einen ersten Schritt auf dem Pfad der Erkenntnis, dem Pfad des kosmischen Geistes, so hilft dir der Hierophant die Geheimnisse des Lebens zu deuten. Er holt das unendliche Potential des Spirituellen auf deine irdische Ebene. Es ist Zeit zu lernen, zu erfahren, den Geist und das Herz zu öffnen. Es ist Zeit zu lauschen, der Mystik alter Lehren zu vertrauen.

Die Wurzeln des Wissens reichen tief, sie gehen über 300.000 Jahre zurück und mehr noch. Um den Kern aller Geheimnisse der Mystik zu erfassen, ist ein Leben nicht genug. Doch auch dies ist eine Reise, die wir weiter gehen werden.

In der Kabbalah

Der Pfad des Hierophanten in der Kabbalah ist VAV. Dieser Pfad vermittelt zwischen Chokmah, dem Höheren Willen und Chesed, dem ewigen Raum. Der Pfad Vav enthüllt die Mysterien. Er ist als Buchstabe dem Regenbogen zugeordnet. Und verbindet nicht der Regenbogen seit jeher die Erde mit dem Himmel, wie die Brücke Bifröst, die schwankende Himmelsbrücke – der Regenbogen zwischen der Götterwelt der Asen und der Menschenwelt von Midgard. Der Hierophant ist auch in der Kabbalah eine alles miteinander verbindende Kraft.

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Kennst du ihn, den tieferen Sinn des Lebens?

Bist du auf der Suche nach dem tieferen Sinn des Lebens? Viele Menschen versuchen das Leben mit ihrem Verstand zu begreifen, doch ist dies der richtige Weg? Ist es überhaupt notwendig, nach dem Sinn des Lebens zu forschen oder haben wir den Sinn verstanden, wenn wir keinen Zwang mehr in uns spüren, danach zu suchen?

Der Hierophant ist ein Schlüssel dieser Suche, wenngleich die Lösung manchmal ganz einfach ist, weiß sie sich gut zu tarnen. Ein Hierophant ist selbstbeherrscht, er beherrscht sein Selbst. Er ist ruhig, denn er muss nichts mehr beweisen. Auf dem Weg des höheren Wissens bietet er dir Rituale, die dir helfen, eine Verbindung herzustellen. Er leitet durch Zeremonien und offenbart dir deine eigenen ersten Erfahrungen als spirituelles Wesen. Vertraue und es wird sich eine neue Dimension öffnen, die fünfte Dimension – der Äther.Pentagram - Luft, Wasser, Erde, Feuer - Äther

Hörst du den Ruf, der Stimme des Hierophanten zu folgen, so begib dich in das Vertrauen.

Die Karte kommt meist, wenn du das Verlangen nach spiritueller Führung in dir spürst. Vertraue dem Leben und die Führung wird kommen, sich dir zeigen. Begib dich auf diesen spirituellen Pfad und du wirst einen Weg beschreiten, der dich in den Kontakt mit deinem höheren Selbst bringt.

Lausche dabei immer deiner inneren Stimme, lasse dich führen und noch einmal: Vertraue!

Du wirst in einen Prozess des ständigen Lernens eintreten, einem Lernen, dass nicht mehr nur auf der irdischen Ebene stattfindet. Nutze diesen Prozess für deine eigene Entwicklung.

Auf deiner Reise kann dein Weg dich zu einer Gabelung führen, einem inneren Konflikt. Auf der einen Seite ist da dieser tiefe, innere Wunsch ein spirituelles Wesen zu sein. Auf der anderen Seite schwebt unsere Sterblichkeit wie eine Drohung, wie ein Schatten über unserem Selbst. Auch hier liegt die Lösung im Vertrauen. Ja unser Körper ist sterblich und ja wie haben in unserem irdischen Leben ganz normale irdische Bedürfnisse, die mitunter unserem spirituellen Verlangen zu widersprechen scheinen. Auf deinem Pfad ist es deine Lernaufgabe diesen scheinbaren inneren Zwiespalt in Balance zu bringen.

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Der Hierophant im Rider-Waite Tarot

Arthur Edward White sagt über die Karte:

Er ist die Kraft der exoterischen Religion, so wie die Hohepriesterin die vorhersehende Schutzherrin der esoterischen, zurückgezogenenen Kraft ist.

Die Hand des Hierophanten macht das Zeichen der Geheimlehre. Waite sagt, der Hierophant:

[…] symbolisiert alle in Erscheinung tretenden gerechten und heilige Dinge.

Er nennt ihn auch einen Übermittler der Gnade und einen Wegweiser der Erlösung für die menschliche Rasse als Ganzes. Abgebildet ist gemäß diesem Grundton auch der Papst und so hieß die Karte einst auch.

Der Hierophant aber leitet die antiken Mysterien um Tod und Wiedergeburt an.

Die Esoterik-Autorin Rachel Pollack sagt zum Hierophanten des Rider-Waite-Tarots: Er tendiert dazu Gehorsam einzufordern, als seien wir seine Jünger. Er lässt dadurch den Menschen keinen Raum, eigene Ideen zu entwickeln und Entscheidungen zu treffen. Sie stellt den Hierophanten an die Seite des Herrschers. Beide sollen gemeinsam die Macht repräsentieren. Der Herrscher durch die Macht der Autorität und der Hierophant durch die Macht seiner Lehren.

Abgesehen davon, dass mir bei dieser Interpretation der weibliche Aspekt fehlt – wenn dann sehe ich den Hierophanten als Hohepriester und somit als Ergänzung der Hohepriesterin – kann ich das Wesen des Hierophanten auch nicht mit einem diktatorischen Guru in Einklang bringen.

Schauen wir doch einmal zu einem anderen Tarot, dem Aleister-Crowley Thoth-Tarot.

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Der Hierophant im Aleister-Crowley Thoth-Tarot

Crowley sagt, die Tarot-Karte bezieht sich auf den Stier und seinem indischen Pendant, dem Elefanten. Zu dem abgebildeten Pentagramm mit dem, wie er es nennt, tanzenden Kind sagt Crowley, dass es sich um ein Symbol des Neuen Æon handelt, des Horuskindes. Dieses Kind von Isis und Osiris nimmt den Platz des Alten Æons ein, dass „2000 Jahre über uns herrschte“. Auch der Stab mit den drei ineinander verschlungenen Ringen weißt auf die drei Æonen hin: Isis, Osiris und das Horuskind.

Die vier Masken symbolisieren die vier Wächter aller Mysterien, die in das eine große Mysterium gipfeln, der Vereinigung von Mikro- und Makrokosmos.

Die dargestellte Frau ist nun bewaffnet und symbolisiert den kriegerischen Aspekt der Venus – die wilde Frau.

Die Karte steht für:Aleister Crowley Tarot - der Hierophant

  • Beharrlichkeit
  • verbissene Stärke
  • mühevolle Arbeit
  • Lehren
  • Güte
  • höhere Hilfe
  • Frieden
  • Geduld
  • Gelassenheit
  • Manifestation

Soweit Aleister Crowley selbst, welche Symbolik verbirgt sich aber noch hinter dieser fünften Schlüsselkarte?

Der Thron ist umgeben von Stieren und Elefanten. Der Hierophant ist also kein Schwätzer, er setzt Dinge in die Tat um.

Bei den vier Wächtern des Altars in den Ecken, könnte es sich um vier Cherubs handeln, die oft an Throne angebracht werden, übernatürliche Wesen und Wegbegleiter der göttlichen Kraft sind. Sie weihen in vier Mysterien ein.

1 - die Eins

Materie

Stier / Elefant

Element Erde

In Taten umsetzen.

2 - Die Zwei

Kreativität / Willenskraft

Löwe

Element Feuer

Die expansive Kraft.

3 - Die Drei

Emotionen

Wassermann / Mensch

Element Luft

Der Visionär, Futurist – Einer der voran geht.

geistig, intellektuelle Ebene

Skorpion + Adlerkopf

Element Wasser

Loyalität

Der Wert aller Dinge, die bedeutungsvoll sind.

 

Der Hierophant vereint all die vier Stufen und öffnet so die Ebene zur höchsten Erkenntnis. Er agiert also als ein spiritueller Meister, als ein Vermittler zwischen dem Irdischen und dem „Göttlichen“, dem höheren Bewusstsein, dem Äther, Spirit oder welchen Namen du gerne geben magst.

Die Venus ist auf der Karte mit Schwert und Mondsichel abgebildet. Sie ist die Herrscherin über den Stier. Schwert und Mond symbolisieren hier die Balance zwischen den Emotionen und dem Wissen. Der Hierophant trägt das Weibliche in sich – Yin und Yang sind also vollständig entwickelt.

Der Mann und die Frau führen zum Kind – dem Horus. Das Auge des Horus ist auch mit dem Pentagramm verbunden, aber das nur am Rande. Das Kind ist nackt abgebildet. Es ist noch im vollkommenen Vertrauen, in der vollkommenen Offenheit dem Leben gegenüber. Sein Attribut, seine Stärke ist die kindliche Unschuld. Es trägt fünf weiße und herzförmige Blütenblätter um seinen Kopf, die die Liebe in ihrer reinsten Form symbolisieren. Die Suche des Kindes hat erst begonnen, sie steht ganz am Anfang – doch diese Suche nach dem Selbst wird in höhere Sphären führen.

Horus selbst musste viele Jahre auf sein Erbe warten. Er war der Himmelsgott, der Königsgott – auch der Ferne genannt. Er ist ein Kind des Osiris, Herrscher der Unterwelt und Kind der Isis, Mondgöttin, Göttin der Magie und Zauberei und vor allem auch Göttin der Liebe. Der Pfad war steinig und lang – 80 Jahre warten, ehe Horus seinen rechtmäßigen Thron besteigen konnte.

So wundert es nicht, dass Crowley diese Symbolik gewählt hat. Der Hierophant ist kein Non-Stop-Flug, diese Karte ist ein Prozess, ein Weg, der oft weit über das Leben hinaus führt. Das zeigt auch das Zepter mit seinen drei Ringen, de besagen: Das Leben ist ein Kreis aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es ist alles ein Prozess.

Der Hierophant – der Hüter der geheimen Schriften und der Offenbarer aller Mysterien vereinigt den Mikro- und den Makrokosmos. Das Hexagramm und das Pentagramm der Karte spiegeln auch das unverkennbar wieder.

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Was also sagt dir der Hierophant?

Es ist an der Zeit, die Kraft in dir zu finden. Gehe deinen Weg in die Sphären, die über das Irdische hinaus reichen und lasse dich zu Beginn der Reise spirituell führen. Vielleicht ist es an der Zeit eine Schule zu besuchen.

Du sollst mit dieser Karte aber nicht nur lernen, sondern auch lehren. Wir sind immer Schüler:in und Lehrer:in zugleich.

Frage dich: Was möchte geboren werden? Was steckt alles noch in mir, was ich bisher gar nicht gesehen habe?

Finde deinen inneren Kern und forme ihn auf deinem ganz eigenen Pfad zu deinem äußeren Willen. Übernimm Verantwortung für dein eigenes Leben hier auf Erden und darüber hinaus. Sei mutig und setze um, was in dir steckt.

Sei die wilde Frau, der wilde Mann – sei großartig. Sei irdisch und sei überirdisch.

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Der Kaiser

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Quellen:

Crowley, Aleister (2019), Thoth Tarot: Originalausgabe (2. Aufl.).Krummwisch AGM-Urania.

Waite, Arthur Edward (01. Januar 1978), Der Bilderschlüssel zum Tarot: Erste Auflage, Urania.

Angeles Arrien (2001), Handbuch Crowley Tarot: Praxisbezogene Anleitung zur Interpretation des Aleister Crowley Tarots (4. Aufl.).Neuhausen/Schweiz Urania Verlags AG. [online: http://rkspiele.de/wordpress/wp-content/uploads/2015/04/Tarot-Hanbuch.pdf. [Stand 19.02.2021]]

docplayer.org: Gerd Ziegler. Tarot: Spiegel der Seele. Handbuch zum Crowley-Tarot. (Stand unbekannt). http://docplayer.org/12116343-Gerd-ziegler-tarot-spiegel-der-seele-handbuch-zum-crowley-tarot.html. [19.02.2021]