Loki, der wohl listigste Gott, zeugte mit der Riesin Angrboda dreifaches Unheil für die Götterwelt Yggdrasils: die Totengöttin Hel, die Midgardschlange Jörmungand und den Fenriswolf. Letzterer verschlang der Sage nach Odin, als die Welt der Götter zu Ragnarök dem Untergang geweiht war. Lasst uns jedoch am Anfang beginnen, das Ende kommt früh genug.

Krallen Fenriswolf

Wie der Fenriswolf in Fesseln lag

Wie der Wolf in die Obhut der Asen gelangte, erfahren wir aus der Edda des Snorri Sturluson, genauer gesagt der Saga „Gylfaginning“¹. Die drei unheilvollen Geschwister wuchsen in Riesenheim auf und die Götter hatten längst Wind davon bekommen. Sie wussten vermutlich noch nichts von der Genetik. Das aber bei gemeinsamen Kindern der Riesin Angrboda und dem tückischen Vater Loki wahrlich nichts Gutes herauskommen konnte, dürfte ihnen eingeleuchtet haben. Weissagungen verstärkten die düstere Vorahnung und so beschlossen die Götter, es sei Zeit, zu handeln.

Odin schickte Gesandte aus, die alle drei Unheilswesen gefangen nahmen und ins Reich der Asen brachten. Die Schlange warf er in das tiefe Meer, wo sie alsbald zu solch einer Größe heranwuchs, dass sie alle Länder umschloss und sich selbst in den Schwanz biss. Hel wurde nach Niflheim verbannt, wo sie fortan an über neun Welten herrschen sollte und all jene aufzunehmen hatte, die eines natürlichen Todes oder aber durch Krankheit starben. Der Fenriswolf aber blieb (vorerst) bei den Göttern.

Die Götter fürchteten den Wolf, nur Tyr war mutig genug, ihn zu füttern. Der Fenriswolf wuchs von Tag zu Tag und mit ihm die Angst der Götter, dass all jene Vorhersagen wahr werden könnten: Der Wolf sei ihr Verderben.

Die Fesselung

So beschlossen Asen eines Tages das Untier in Fesseln zu legen. Läding ward die Fessel genannt. Gesagt, getan. Aber würde die Fessel auch halten? Die Götter wollten, dass der Fenriswolf sein Kräfte an ihr erprobte, aber den kümmerte dies nicht weiter. Erst als er sich einmal streckte, brach die Fessel.

Die Götter gaben nicht auf, eine zweite Fessel musste her, doppelt so stark, wie die zuvor und sie ward Droma genannt. Der Fenriswolf solle doch bitte versuchen, ob er stark genug sei, auch diese Fessel zu brechen. Der Wolf wusste sehr wohl, dass die Fessel stärker war als zuvor, aber er wusste ebensogut, dass auch er selbst viel stärker war als zuvor. Er würde ihnen schon zeigen, wie kräftig er sei und so ließ er sich abermals in Fesseln legen. Droma fiel in Stücke zu Boden, als sich der Wolf reckte und schüttelte. So wird das nichts, dachten sich die Götter.

Einer von Freys Dienern, der Jüngling Skirnir, wurde von Odin mit einem Auftrag nach Schwarzheim gesandt.  Zurück kam er mit Gleipnir, einem Band, gefertigt von Zwergenhand. Nun magst du vielleicht glauben, dass sie aussahen, wie die stärksten Fesseln der Welt, stärker als alles, was du jemals gesehen hast, aber weit gefehlt. Das Band war weich wie Seide.

Die Wurzeln der Berge, die Bärte der Weiber, der Schall des Katzentritts, die Sehnen der Bären, die Stimme der Fische und der Speichel der Vögel waren seine Zutaten. War all dies Unmögliche für die Zwerge zu finden, so könnte vielleicht auch ein schlichtes, geschmeidiges Band wie Seide möglicherweise den Wolf im Zaume halten. Wir werden sehen.

Die Asen fuhren zum See Amswartnir, auf die Insel Lyngwi. Der Fenriswolf wurde herbeigerufen. „Schau her, hier haben wir ein neues Band für dich. Mag es auch unscheinbar wirken, so ist es doch stark.“ Die Asen zeigten nacheinander, dass niemand von ihnen in der Lage war, Gleipnir zu zerreißen.

Der Fenriswolf war einigermaßen klug, schließlich war der listige Loki sein Vater. Er dachte nach. Das Band schien schwach, aber zerreißen konnten sie es nicht. Am Ende war es wohl aus List und Betrug erschaffen? Er sprach zu den Göttern, es bringe ihm wenig Ehre ein, wenn es so schwach ist, wie es aussieht. Sei es aber durch List erschaffen, so komme es ihm nicht an die Füße. Die Götter erwiderten, dass es ihm wohl ein Leichtes wäre das Band zu zerreissen und wenn nicht, so bräuchten sie ihn nicht weiter fürchten und würden ihn von der Fessel befreien.

Der Fenriswolf, um seine Ehre bedacht, gab zu bedenken, dass sie sich lustig über ihn machen würden, wenn es ihm nicht gelingt, sich zu befreien. Feige aber sei er auch nicht. „Ich möchte, dass einer von euch seine Hand als Unterpfand in mein Maul legt.“ Die betretenen Gesichter der Götter kann ich mir bestens vorstellen. Einer jedoch, der Gott Tyr, der den Wolf fütterte, trat hervor und legte seine recht Hand in den Schlund des Untieres.

Das Band ward um den Fenriswolf geschlungen und so sehr dieser sich auch mühte, er konnte es nicht zerreißen. Schlimmer noch, je mehr er es versuchte, desto enger band es sich. Die Götter lachten, nur einem war nicht nach Späßen zumute, dem nunmehr einhändigen Tyr.

Der Wolf ward gefangen

Die Götter nahmen einen Strick namens Gelgja, zogen diesen durch die dicke Steinplatte Gjöll und befestigten sie tief unten in der Erde. Den großen Stein Thwiti nahmen sie als Pflock und warfen ihn noch tiefer in die Erde. Der Fenriswolf, wer konnte es ihm verübeln, war außer sich vor Wut. Er bäumte seinen Rücken, riss sein Maul weit auf und versucht die Götter zu beißen. Die Göttern nahmen ein Schwert und steckten es ihm in den Schlund, der Griff berührte das untere Ende des Gaumens, die Spitze das obere. Fenris heulte fürchterlich und Geifer tropfte aus seinem Maul , der zum Flusse Wan wurde. Würde es ihm je gelingen sich zu befreien?

Krallen Fenriswolf

Zwischentöne

Die Geschichte der Fesselung des Fenriswolfes ist eine meiner liebsten aus der Nordischen Mythologie. Nicht weil sie besonders schön wäre, sondern weil sie mir zu Denken gibt.

Waren die Vorhersagen für die Götter unausweichlich und ihre Erfüllung vorherbestimmt oder war es vielmehr die Angst der Götter, die dazu verhalf, dass aus einem, wie mir scheint doch recht friedlichen Wolf ein Monster wurde? Ist es in unser aller Leben, die Angst, die uns auf falsche Wege führt? Haben wir das Recht mit Hilfe der Magie ein anderes Wesen sprichwörtlich in Fesseln zu legen oder beschwören wir damit nichts als Unheil herauf?

Es heißt, die Nornen weben das Wyrd aller Wesen, das unwiderrufliche Schicksal, aber ist es wirklich so unwiderruflich, wie es scheint? Können wir nicht einer jeden Geschichte einen anderen Verlauf geben oder sind wir am Ende willenlose Sklaven des eigenen Pfades. Was glaubst du?

Wir werden nie erfahren, ob das Ende ein anderes gewesen wäre, denn es trug sich nun einmal so zu, wie es sich eben zutrug. Eines aber ist gewiss, das Ende hätte schlimmer nicht sein können.Krallen Fenriswolf

Der Fenriswolf und Ragnarök

Es gibt einige nordische Quellen über Ragnarök, das Ende der Götter. Es ist eine Geschichte vom Untergang der Welt, aber auch ihrer Wiederauferstehung. Doch bleiben wir bei der Edda² und führen somit zu Ende, was wir begonnen haben.

Der Geschichte von Ragnarök gingen viele Begegnungen voraus. Sie ward in der Völuspá, der Weissagung der Seherin³ vorhergesagt und findet sich detailliert ebenfalls in der Gylfaginning. Um die Geschichte selbst, soll es heute nicht gehen, sie verdient ihren eigenen Platz, aber wir treffen in ihr den Ferniswolf erneut, der bis dahin in Fesseln lag und nun sein Schicksal fand.

Das Ende

Es ist die Axtzeit, die Schwertzeit, die Zeit der gespaltenen Schilde, die Windzeit und die Zeit der Wölfe.

Wölfe verschlangen Sonne und Mond. Als die Gebirge zusammenstürzten, fielen alle Fesseln und Banden und auch der Fenriswolf war frei. Er stürmt heran, das Maul so weit aufgerissen, dass es Erde und Himmel zugleich berührte. Flammen kamen aus seinen Augen und Nase.

Der Wolf selbst, die Söhne Muspelsheim, die Midgarschlange, Loki, Hrym und die anderen Reifriesen stürmen auf das Feld Wigrid. Heimdall, der Wächter blies in das Gjallarhorn und weckte die Götter. Diese hielten eilig ein Thing ab, denn Handeln war geboten. Odin ritt ratsuchend zu Mimir, an dessen Brunnen. Yggdrasil, die Weltenesche wankte. Die Götter rüsteten sich und stellten sich dem Kampf auf dem Feld.

Odin voran, sein Sohn Thor an seiner Seite. Der Allvater stellte sich dem Fenriswolf in den Weg, Thor kämpfte mit der Midgardschlange. Sie alle sind des Todes. Thor gelang es zwar zu siegen, aber er kam hernach nur noch neun Schritt weit, zu stark das Gift der Schlange, welches sie auf ihn im Kampfe niederließ. Odin wurde vom Fenriswolf verschlungen. Hier endet die Geschichte des großen Gottes, aber hier endet auch die Geschichte des Wolfes. Widarr, ein Sohn Odins, trat mit einem Fuß in den Unterkiefer des Wolfes. Mit einer Hand packte er zugleich den Oberkiefer und riss das Maul des Fenrirwolfes entzwei. So kam es, wie die Seherin es prophezeite⁴:

„Odins Sohn kommt, um den Wolf zu töten“


¹) Karl Simrock: Die Edda. Nordische Götter- und Heldensagen. Nikol Verlag, 2014, 3. Auflage 2018, Seite 286ff: Gylfaginning, Vers 34.
⇒ (nachzulesen auch hier: https://www.projekt-gutenberg.org/simrock/edda/edda334.html)
Arnulf Krause: Die Edda des Snorri Sturluson. Reclam, 1997, aktualisierte Ausgabe 2017, Seite 41ff: Gylfaginning, Vers 34.
²) Karl Simrock: Die Edda. Nordische Götter- und Heldensagen. Nikol Verlag, 2014, 3. Auflage 2018, Seite 307ff: Gylfaginning, Vers 51.
Arnulf Krause: Die Edda des Snorri Sturluson. Reclam, 1997, aktualisierte Ausgabe 2017, Seite 71ff: Gylfaginning, Vers 51.
³) Karl Simrock: Die Edda. Nordische Götter- und Heldensagen. Nikol Verlag, 2014, 3. Auflage 2018, Seite 14ff, Vers 39ff - Wöluspa - Der Seherin Ausspruch.
Arnulf Krause: Die Götterlieder der Älteren Edda. Reclam, 2006, aktualisierte Ausgabe 2018, Seite 21ff: Gylfaginning, Vers 44ff - Die Weissagung der Seherin.
⁴) nach Arnulf Krause