Sonne und Mond faszinieren die Menschen seit Anbeginn ihrer Zeit, wie alles was der Himmel an Gestirnen zu bieten hat. Nur ist es indes so, dass die Wirkungen von Sonne und Mond am deutlichsten zu spüren sind. Die Wirkung anderer Himmelskörper zu erkennen, ist währenddessen nur durch genaue und immer wiederkehrende Beobachtungen möglich.

Die Deutung der Sterne geschieht seit Jahrtausenden von Jahren. Genaue Beobachtungen und immer wiederkehrende Muster zeigen uns, welche Wirkungen die Planeten oder auch die Tierkreiszeichen auf uns haben. Die Erde ist nicht vom Kosmos getrennt, sondern in einem gegenseitigen Wechselspiel mit diesem verbunden, wie alles miteinander verbunden ist.

Der zweite hermetische Grundsatz ist das Prinzip der Entsprechung. „Wie oben, so unten, wie unten, so oben.“ Er ist auf die Wirkung der Erde auf das All (wie auch umgekehrt) ebenso anwendbar wie auf jeden anderen Bereich des Lebens. Ebenso können wir das sechste hermetische Gesetz zu Rate ziehen, welches von dem Prinzip von Ursache und Wirkung erzählt. Alles unterliegt Gesetzmäßigkeiten, nichts unterliegt dem Zufall, welcher nur eine Komponente ist, die bisher nicht dechiffriert werden konnte.

Alles ist miteinander verbunden. Nichts geschieht rein zufällig.

Sonne küsst Mond

Sonne, Mond und Mensch

Die Sonne ist unabdingbar für das Leben auf der Erde, wie wir es kennen. Sie kann Leben erschaffen und zerstören. Manche Gegenden verwandelt sie in unfruchtbare Wüsten, andere lässt sie in üppiger Vegetation erblühen. Wir Menschen brauchen das Licht der Sonne. Mangelt es an Sonnenkraft, so fehlt es uns an Antrieb, an Lebensfreude. Wir verfallen leichter der Melancholie, sind bedrückt und innerlich ausgebremst.

Der Mond hat ebenso Einfluss auf unser Leben, wenngleich diese Wirkung nicht allen Menschen gleichermaßen bewusst ist. Wir Hexen nutzen die Kraft des Mondes für unsere Rituale. Vor allem die Vollmondnächte eignen sich besonders gut. In ihnen können wir uns mit den Göttinnen des Mondes verbinden. In einem Krankenhaus von Lugano stellte das Ärzteteam fest, dass zu Voll- und Neumond mehr Herzinfarkte auftreten. Eine Studie wurde jedoch nicht durchgeführt.

Es ist einfach die Wirkung der Sonne zu erkennen, die Wirkung des Mondes nachzuweisen ist bisher in Studien nicht wirklich gelungen.¹ Unser subjektives Empfinden widerspricht diesen Erkenntnissen zumeist vollkommen. Viele Menschen schwören, dass sie zu Vollmond schlechter schlafen. Die Menschen und Tiere wirken gereizter. Alles nur eine Einbildung?

Ich beobachte seit langem den möglichen Einfluss des Mondes auf mich und habe dabei festgestellt, dass der Vollmond kaum Wirkung zeigt, ich aber ein Kind des Neumondes bin. Erwacht der Mond zu neuer Kraft, zu erblühe ich mit ihm, Mondphase für Mondphase. Versuche doch einmal ganz genau zu notieren, welche Emotionen und Ereignisse dir in den einzelnen Mondphasen widerfahren. Das Ganze über mindestens ein Jahr und du erkennst eventuell ein immer wiederkehrendes Muster.

Forschungen hin oder her: Es ist ganz eindeutig. Sonne und Mond üben Einfluss auf unser irdisches Leben aus und sei es beim Mond am Ende auch nur eine selbst erschaffene Fiktion, eine Art Placebo Effekt. Fakt ist, der Effekt ist da. Warum auch immer.

Sonne küsst Mond

Die Sonne, der Mond oder doch der Sonne, die Mond?

Diese Frage beschäftigt die Gemüter stetig aufs Neue. Wer ist nun weiblich, Sonne oder Mond? Und wer ist von den Beiden der männliche Part? Die Menschen sind versucht allen Dingen der Welt eine ganz genaue Bestimmung zu verordnen. In diesem Schubladen-Wahn scheint eine Menge an innerer Befriedigung zu lauern. Jedes Ding muss einen Namen haben und eine geschlechtliche Zuordnung obendrein. Erinnerst du dich an das zweite hermetische Gesetz? „Wie oben, so unten, wie unten, so oben“. Wir Menschen werden in diese Art von Schubläden gezwängt und müssen noch immer eindeutig als männlich oder weiblich erkennbar sein, sonst sind wir mindestens sonderbar und lösen oftmals sogar Ängste bis hin zu abgrundtiefem Hass aus. Das alles nur, weil keine geschlechtliche Einordnung vorhanden ist. Wie absurd! Oder etwa nicht?

Auch Sonne und Mond sowie die übrigen Planeten müssen sich diesem Verlangen der Zuordnung beugen.

In der Astrologie ist der Mond dem Weiblichen zugeordnet. Damit stehen die Astrologen nicht alleine. Auch in der Mythologie ist dem Mond oftmals eine weibliche Gottheit zugeordnet, der Sonne ein männlicher Gott. Bei den Griechen war Selene die erste Mondgöttin, weitere sollten folgen. Die Ägypter verehrten die Isis, die Römer die Göttin Luna und bei den Kelten herrschte die dreifache Mondgöttin Morrigan.

In der nordischen Mythologie hingegen ist der Mond männlich, die Sonne weiblich.

Sonne küsst Mond

Mond und Sonne in der Nordischen Mythologie

Ich erinnere, die Nordische Mythologie beruht neben archäologischen Quellen auf wenige schriftliche Quellen. Nördlich der Alpen schrieb Tacitus im 1. Jahrhundert über die Geschichte der Germanen. Tacitus jedoch war selbst kein Germane, er betrat nicht einmal germanischen Boden. Er war ein römischer Historiker und Senator. Seine Aufzeichnungen gehen auf mündliche Berichte und Akten im Senat zurück. Es besteht heute auch kein Zweifel daran, dass Tacitus sich nicht immer an die Fakten hielt, sondern seine Berichte subjektiv einfärbte.²

Gehen wir in den skandinavischen Raum, so treffen wir auf eine weitere schriftliche Quelle, die Edda.³ Zum Einen verfügen wir über die Snorra-Edda von dem Skalden (Dichter) Snorri Sturluson, zum Anderen über die sogenannte Lieder-Edda, in welcher Werke mehrerer unbekannter Autoren gesammelt wurden. Letztere wird oft auch als Ältere Edda bezeichnet. Wie auch die Aufschreibungen des Tacitus, sind auch die Heldenlieder der Edda vermutlich subjektiv stark eingefärbt. Zudem gilt es im Zusammenhang mit der Edda immer zu bedenken, dass sie erst geschrieben wurden, als Island im 13. Jahrhundert bereits christianisiert war. So liest sich zum Beispiel die Geschichte Baldurs, dem Sohn des Odins und der Frigg,  als eine Art Pendant zu Jesus Christus. Vermutlich hat Sturluson sich nicht nur in dieser Passage zu weit aus dem Fenster gelehnt.

Trotz alledem ist und bleibt die Edda derzeit die beste Quelle für die Geschichten um das alte nordische Pantheon. Eine dieser Geschichten erzählt von Sonne und Mond.

Sonne küsst Mond

Vafthrudnismal: Das Lied von Wafthrudnir

Das Vafthrudnismal ⁴ (Vafþrúðnismál) ist das dritte Heldenlied der Edda. In diesem Heldenlied gibt es drei Akteure: Odin, seine Frau Frigg und Wafthrudnir. Odin berichtet seiner Gattin, dass er zu Wafthrudnir fahren möchte und bittet sie um Rat. Frigg teilt ihm mit, dass es klüger wäre, zu Hause zu bleiben, da es keinen stärkeren Joten (Riesen) als Wafthrudnir gäbe. Odin jedoch, ständig auf der Suche nach Wissen, schlug den Rat aus und machte sich auf den Weg.

Odin betritt die Hallen des Riesens und tritt mit diesem in einen Wettstreit. Es gilt Fragen zu beantworten, wobei eine falsche Antwort die Enthauptung zur Folge hat. Wafthrudnir ist der Erste, der Odin befragt. Nur wenn dieser den Fragen standhält, darf er selbst seine Fragen an den Riesen richten. Odin besteht den Test und ist nun selbst als Fragender am Zuge. So erfahren auch wir von Wafthrudnir woher die Sonne und Mond kommt.

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Die Frage nach Sonne und Mond in der Lieder-Edda

Odin mit seinen zahlreichen Namen tritt in dem Wettstreit mit Wafthrudnir als Gangrad auf. Und so fragt Gangrad in Strophe 22:

Gangrad:

Sag mir zum andern, wenn der Sinn dir ausreicht

Und du es weißt, Wafthrudnir.

Von wannen der Mond kommt, der über die Menschen fährt,

Und so die Sonne?

Und Wafthrudnir antwort in Strophe 23:

Wafthrudnir:

Mundilföri heißt des Mondes Vater

Und so der Sonne.

Sie halten täglich am Himmel die Runde

Und bezeichnen die Zeiten des Jahrs.

 

In der rezitierten Strophe ist von Mundilföri die Rede. Von diesem Mann, dem Vater von Sonne und Mond, erfahren wir in der Jüngeren Edda mehr.

Den Wettstreit hat übrigens Odin gewonnen, allerdings lässt das Heldenlied offen, ob das Haupt des Wafthrudnirs gefallen ist.

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Sonne, Mond und Mundilföri in der Jüngeren Edda

In der Gylfaginning im Abschnitt 11 ⁵ erfahren wir in einem Gespräch zwischen Har und Odin mehr über die Herkunft von Sonne und Mond.

„[…] Ein Mann hieß Mundilföri, er hatte zwei Kinder. Sie waren hold und schön: da nannte er den Sohn Mond (Mani) und die Tochter Sonne (Sol), und vermählte sie einem Manne, Glen genannt. […]“

Die Götter der Asen waren erbost darüber, dass der Riese seine Kinder nach Sonne und Mond benannte. So heißt es weiter im Text:

„[…] die Götter […] nahmen die Geschwister und setzten sie an den Himmel, und hießen Sonne die Hengste führen, die den Sonnenwagen zogen, […] Mani leitet den Gang des Mondes und herrscht über Neulicht und Vollicht.

Moment mal! In der Älteren Edda steht geschrieben, dass der Mond ein Sohn Mundilföris und die Sonne dessen Tochter ist. Nun aber steht in der Jüngeren Edda, dass die beiden Geschwister von den Göttern an den Himmel gesetzt wurden, um den Sonnenwagen zu ziehen und die Wege des Mondes zu leiten. Also sind sie selbst gar nicht Sonne und Mond?

Zum Sonnenwagen erfahren wir noch ein Weiteres:

„[…] hießen Sonne die Hengste führen, die den Sonnenwagen zogen, welchen die Götter, um die Welt zu erleuchten, aus den Feuerfunken erschaffen hatten, die von Muspelheim geflogen kamen. […]“

Die Versionen der Älteren und der Jüngeren Edda widersprechen sich also. Karl Simrock, dessen Übersetzung der Edda hier rezitiert wird, schreibt im Übrigen: „[…] die jüngere Edda ist als der älteste und zuverlässigste, obgleich nicht untrügliche Kommentar der Eddalieder, […] zu betrachten.[…]“. ⁶

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Fazit

So sind wohl letztendlich die Geschwister Mani/Mond und Sol/Sonne eins geworden mit Sonne und Mond. Aus der Edda wissen wir nun, dass die Sonne aus Feuerfunken Muspelheims besteht. Im Internet kursieren zudem Versionen, in welchen auch der Mond aus diesen Funken besteht, so heißt es an einer Stelle, der Mond sei ein besonders großer Funken gewesen. In der Edda selbst habe ich keinerlei Belege für diese Theorien gefunden, sollte ich noch darauf stoßen, so reiche ich es gerne nach.

Welches Geschlecht haben eigentlich Feuerfunken?

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Quellen:

¹ „Mondphasen – Studien widerlegen behauptete Mondeinflüsse.“ (o.D.). URL: http://dermond.at/index.php [29.03.2019]

² Cynthia Damon: The Trial of Cn. Piso in Tacitus’ Annales and the Senatus consultum de Cn. Pisone Patre. New light on Narrative Technique. In: American Journal of Philology 120 (1999), S. 143–162.

³ Arbeitsgrundlage für diesen Artikel: Karl Simrock: In: Die Edda. Nordische Götter- und Heldensagen, Nikol Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, Hamburg, 3. Auflage 2018, S. 27-36.

⁴ ebd., Vafthrudnismal., S. 27ff.

⁵ ebd., Gylfaginning, Abschnitt 11, S. 274.

⁶ ebd., Anmerkungen, S. 354.