Die Tagundnachtgleiche im Frühjahr, auch als Ostara bekannt, weckt endgültig die Lebensgeister in uns. Woher aber kommt dieser Brauch?

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nächste Frühjahrs-TagundNachtgleiche: 20. 03. 2019

22:58 Uhr

Triple Moon

Viel Wundersames ist über die Tagundnachtgleiche zu lesen. Je nach gelebtem Kult ist von Ostara die Rede oder aber auch von Alban Eiler. Beides wird ohne mit der Wimper zu zucken als die absolute Wahrheit verkauft. Bräuche und Rituale werden beschrieben und scheinbar völlig einleuchtend erklärt. Es ist die Rede von der Göttin Ostara, manch Andere schreiben von Freya und wiederum Andere haben so ihre eigenen Göttinnen für dieses jährlich stattfindende Ereignis.

 

Was genau geschieht eigentlich zur Tagundnachtgleiche?

An diesem Tag überquert die Sonne den Himmelsäquator, sie befindet sich also senkrecht über dem Erdäquator. Die Tagundnachtgleiche oder, wie in der Wissenschaft genannt, das Äquinoktium (lat. aequus=gleich, nox=Nacht) findet zweimal jährlich statt: Im Frühjahr und im Herbst, genauer gesagt am 19., 20. oder 21. März und am 22., 23. oder 24. September. An diesem Tag ist die Nacht so lang wie der Tag und der Tag so lang wie die Nacht. Kalendarisch beginnt mit diesem Ereignis im März der Frühling sowie im September der Herbst.

Derartige Ereignisse waren für die Menschen schon immer faszinierend. Sie sind ein wichtiger Wendepunkt im Kalenderjahr und seit Tausenden von Jahr Grund zum feiern. Doch gab es wirklich ein Ostara oder ein Alban Eiler?

 

Alban Eiler – Wer hat’s erfunden?

Es war einmal ein walisischer Autor namens Edward Williams (*1747 † 1826), auch Iolo Morganwg genannt, der Schriften verfasste, die oftmals als Grundlage des sogenannten Neo-Druidismus hergenommen werden. Von ihm stammen die walisischen Bezeichnungen Albane, auch Alban Eiler, welches mit Licht der Erde übersetzt wird. Dieser walisische Altertumsforscher, Dichter und Autor hatte damals behauptet, alte druidische Traditionen wiederentdeckt zu haben. Viele seiner Schriften haben sich nach seinem Tod als Fälschungen herausgestellt und auch sein Wissen um Alban Eiler gilt in Fachkreisen für reine Fiktion. Das hält jedoch viele Bewegungen nicht davon ab weiter auf die Richtigkeit dieser Traditionen zu bestehen und diesen Begriff zu verwenden.

 

Es war einmal … Ostara

Jacob Grimm (*1785 † 1863) war der Ältere der Gebrüder Grimm, welche uns alle als Sammler alter Märchen bekannt sind. Ihnen verdanken wir Geschichten wie Schneewittchen, Frau Holle oder Hänsel und Gretel und eben auch … Ostara.

Blessed Ostara wünschen sich Hexen und auch Schamanen der heutigen Zeit. Sie sind sich absolut einig, einst existierte die Frühlingsgöttin Ostara und ihr verdanken wir das heutige Osterfest. Alte Bräuche und Rituale werden erklärt und beschworen. Fakt ist jedoch: Zu dem ursprünglichen Osterfest ist so gut wie nichts bekannt und der Raum für Spekulationen ist gewaltig.

Gab es sie wirklich?

Das je eine Göttin Ostara gelebt haben soll, konnte mit keiner Quelle wirklich belegt werden. Ihre Existenz verdanken wir höchstwahrscheinlich einer Vermutung Jakob Grimms. Dieser wiederum stützt sich dabei auf den Kirchenvater Beda Venerabilis, welcher im Jahr 672 oder 673 in Northumberland geboren wurde.  Er ist einer der Heiligen der katholischen, evangelischen und auch anglikanischen Kirche, aber das tut hier eigentlich nichts zur Sache. Dieser Beda jedenfalls teilte um das Jahr 700 herum in seinem Werk »De temporum Ratione«mit, dass die Angelsachsen den April Eostur-monath nannten, was auf die heidnische Göttin Eostre zurückzuführen sei. Ferner berichtete Beda, dass ihr zu Ehren im April Feste gefeiert werden und diese als das kirchliche Osterfest übernommen wurden:

„Eostur-monath, qui nunc paschalis mensis interpretatur, quondam a dea illorum, quae Eostrae vocabatur, et cui in illo festa celebrabant, nomen habuit; a cuius nomine nunc paschale tempus cognominant, consueto antiquae observationis vocabulo gaudia novae solemnitatis vocantes“

 

„Der Eosturmonath, heute Passahmonat bezeichnet, war früher benannt nach einer ihrer Göttinnen, welche Eostre genannt wurde, zu deren Ehren Feste in diesem Monat gefeiert wurden. Jetzt benennen sie die Passahzeit mit ihrem Namen, womit die Freuden der neuen Feierlichkeit unter dem Namen der altehrwürdigen Göttinnenverehrung angerufen werden.“¹

 

– De temporum Ratione Kap. 15

Grimm war fasziniert von dieser Darstellung und überlegte nicht lange, ob die Erklärungen Bedas glaubwürdig waren oder nicht.  Grimm fand auch in althochdeutschen Sprachdenkmälern Bezeichnungen wie ôstarun oder auch ôstar-mânôth. Dies würde also bedeuten, dass die Angelsachsen ihre Göttin Eostre hatten und wir seither unsere eigene Göttin Ostara.

Die Zweifel sind zahlreich

Nun verhält es sich aber so, das Forscher¹ auf diesem Gebiet die Existenz der Göttin Ostara stark angezweifeln (und heute weitestgehend Einigkeit darüber herrscht, dass es sie nie gegeben hat), sondern auch deren Ursprung, die angelsächsische Göttin Eostre, stark im Verdacht steht, nie in der Form existiert zu haben. Der Beleg der Monatsbezeichnungen eostre-monath und ôstar-mânôth ist einfach alles andere als aussagekräftig und könnte, was für wesentlich wahrscheinlicher gehalten wird, auch einfach nur der Hinweis auf die östliche Himmelsrichtung sein. Somit würde der Monatsname lediglich verkünden, dass die Sonne von nun ab wieder genau im Osten aufgehen würde.

 

Sonnenfest zu Ehren der Frühlingsgöttin oder auch der Erdmutter

Niemand kann mit Sicherheit sagen, welche heidnischen Ursprünge dem heutigen Osterfest zu Grunde liegen. Es wird vermutlich nicht auf eine Göttin Ostara zurückzuführen sein und schon gar nicht auf einen druidischen Brauch namens Alban Eiler.

Es ist jedoch stark anzunehmen, dass heidnische Festivitäten einst sehr wohl existierten. Diese haben aber sicher nichts mit der Wiedergeburt von Jesus Christus zu tun, wie uns das Christentum seit dem Jahr 325 dieses Fest verkauft. Es handelt sich vielmehr und eine zyklische Form der Wiedergeburt, in welcher die Rückkehr der Sonne und des Lichtes zelebriert wird.

Die Natur feiert ihre alljährliche Wiederauferstehung! Fruchtbarkeit, symbolisiert in Form von Eiern, keimt allerorts neu auf. Die Tiere sind für die Paarung bereit, neues Leben reift im Leib der Erde und im Leib der Tiere heran.

 

Die Kraft der Sonne

Wir Menschen sehnen uns nach der zunehmenden Kraft der Sonne. Der Winter möge bitte endgültig gehen, Wärme und Licht sollen den Durst unserer Gemüter nach neuer Energie stillen.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Menschen dieses Ereignis der Tagundnachtgleiche in vielen Regionen der Welt feierten. Vielerorts war dieses markante Ereignis sicher auch einer Göttin zugeschrieben.

Mir persönlich steht diesbezüglich die Urmutter der Erde am nächsten, denn sie ist es, welche sich dieser Tage zu unendlicher Schönheit entfaltet. Die Bäume tragen ihre Knospen, es blüht und grünt und die Pflanzen kämpfen sich durch das Erdreich hinaus in das Licht. Das Wachstum ist nicht mehr aufzuhalten. Die geballte Energie von Mutter Natur ist nie so stark zu spüren wie in diesen Tagen des Wachstums und Neubeginns. Das Neue schafft sich seinen Raum. Die Erdmutter ist am bekanntesten unter ihrem griechischen Namen Gaia, was dem Namen Terra im römischen entspricht, der Brigid im keltischen, der Jörd entsprechend der Edda und vielen weiteren Namen, welche sie überall auf der Welt erhalten hat.

Mehr und mehr zieht sich nun also die Dunkelheit zurück und jeder spürt es tief in seinem Herzen: Der Frühling ist da!

Die Tagundnachtgleiche ist das Fest der Wiedergeburt der Natur, ein Fest der Fruchtbarkeit. Es wurde seit jeher ausgelassen und euphorisch gefeiert. Noch heute brennen vielerorts die großen und kleinen Osterfeuer, welche wohl aus heidnischen Tagen übernommen sind. Die Menschen treffen sich mit Freunden und der Familie und erfreuen sich gemeinsam daran, dass nun die Kälte der Wärme weichen muss. Das nun die Äcker wieder bestellt, das Saatgut wieder gesät wird, das neues Leben beginnt und die Natur aus ihrem Winterschlaf endgültig erwacht ist."

 

Der Zauber des Neubeginns

Vor der Reformation des heute gültigen gregorianischen Kalenders begann das Jahr im März. Das zeigt sich auch noch in den letzten vier Monaten des Jahres.

September – lateinisch septem – sieben

Oktober – lateinisch octo – acht

November – lateinisch novem – neun

Dezember – lateinisch decem – zehn

 

Wir spüren diesen Neubeginn auch in uns selbst. Es drängt uns hinaus. Wir haben häufig den Wunsch wieder mehr in die Natur zu gehen. Oft reinigen wir in diesen Tagen unser Zuhause, erledigen den sogenannten Frühjahrsputz. Wir freuen uns über jeden wärmenden Sonnenstrahl und können es gar nicht erwarten, endlich die Jacken im Schrank hängen zu lassen. Unser ganz ureigener Kompass ist zu dieser Jahreszeit auf Neubeginn programmiert.

 

Nutze die Kraft des Frühjahrs

Spürst du in dir die Energie des neu Erwachens, so nutze diese Power um deinem Leben neuen Schwung zu verleihen. Lasse diese Kraft, welche da in dir schlummert, nicht einfach verpuffen. Suche dir ein Projekt, welches du verwirklichen möchtest. Widme dich den Dingen, welche du immer wieder verschiebst, weil du einfach nicht die nötige Muse dafür besessen hast.

Jetzt kannst du volle Kraft voraus rudern, wenn es sein muss, dann auch gegen den Strom. Finde etwas, dass dich begeistert und dich erfüllt. Wir alle haben in unseren hinteren Lebenskammern nicht gelebte Träume, welche zu verstauben drohen. Holen wir sie aus ihrem Schattendasein und entstauben sie einmal kräftig.

Es ist eine Zeit des Aufbruchs. Wir sind selten so aktiv wie im Frühjahr. Der Winter weicht täglich mehr aus unseren müden Knochen. Lassen wir uns von der Zeit der Stille und auch der Entbehrungen nicht in die Frühjahrsmüdigkeit drängen, sondern leben wir aktiv. Wildkräuter, wie der Bärlauch oder auch die Brennnessel, beginnen zu sprießen und bereichern unsere Nahrung, denn sie sind wahre Lebensenergie-Booster.

Es kann uns mit wohltuender Lebensfreude füllen, wenn wir bereit sind, uns dem Leben und seinen Möglichkeiten wirklich zu stellen. Raus aus dem Haus, runter von der Couch und hinein in die zauberhafte Frühlingszeit.


¹ u. a.

  • Werner Mezger, Professor für Europäische Ethnologie
  • Manfred Becker-Huberti, Theologie-Professor
  • Wolfgang Golther,Germanist und Literaturhistoriker