Hörbuch Version:


 

Die Bohlen unter meinen Füßen sind von der Mittagssonne warmgebrannt. Es war als hätte ich sie schon einmal berührt, so vertraut. In einem anderen Leben, weit vor meiner jetzigen Zeit. Doch erkenne ich sie wieder. Als wären dies die Bretter auf die man fällt, wieder aufsteht, sich den Staub von den Hosen klopft und weiter geht. Immer weiter.

Das sonderbare Wesen ist verschwunden. In meiner Unachtsamkeit mir entwischt. Ich könnte zurück an das Ufer gehen, aber es erscheint mir von hier so fremd, so kalt. Ich laufe zum Bug um mich weiter vom Ufer zu entfernen. Ich träume meine Blicke über das Wasser. Unendlich frei.

Wir legen ab, verlassen die Stadt. Ich weiß nicht wohin das Schiff mich bringen wird. Es ist mir schon jetzt mehr Heimat, als das verlassene, immer kleiner werdende und letztendlich am Horizont verschwundene Terrain alter Erinnerungen an ein vergessen gehabt zu lebendes Leben. „Wenn ich mein Leben nicht gelebt habe, wer tat es dann?“, überlege ich. Einer muss es getan haben, oder nicht?

Die Landschaft zu beiden Seiten ändert ihr Gesicht in winzigen Details. Dort eine Koppel mit Pferden, dort ein kleiner Wald. Alles zieht an mir vorüber. Eine beruhigende Stille liegt in der Luft. Sie legt sich auf meine Seele mit heilenden Kräften.

Große Hecken säumen nun die Grenze zum Land. Erinnern mich schmerzhaft an meine Gefangenschaft im Labyrinth, an unsere Gefangenschaft – nur hat sie vor mir den Weg gefunden. Ich wollte immer vorwärts laufen mit ihr. Unbekümmert und frei ohne zu beachten wohin der nächste Schritt einen wohl führen mag. Ich habe viel zu spät bemerkt, welche Umwege wir gelaufen sind. Ich hatte nicht geahnt, dass ich vom Weg abgekommen war und mich verlaufen hatte in diesem Sammelsurium an Abbiegungen, Gängen und falschen Fährten. Sie die immer neben mir lief, war nicht mehr da. Ich konnte sie spüren, manchmal sogar hören, aber wohin auch immer ich gegangen bin, es war stets eine Hecke zwischen uns. Ich habe vergebens die Stelle gesucht, die uns wieder auf einen gemeinsamen Pfad führen würde. Lange hörte und spürte ich sie nicht mehr. Ich wußte sie war auf dem Weg, den Ausweg aus diesem Labyrinth zu suchen – ganz für sich allein. Ich war unschlüssig ob ich weiter die richtige Stelle in der Hecke suchen sollte, die Lücke die alles wieder schließt. Oder ob es nicht besser wäre sich durch das Gebüsch zu kämpfen. Nicht wissend wie dick die Hecke ist und ob ich überhaupt hindurch kommen würde. Und selbst wenn ich es schaffen würde mich durch dorniges Geäst zu kämpfen, würde sie auf der anderen Seite auf mich warten oder wäre sie längst weiter gelaufen, ihren Ausweg schon im Blick.

Ich nahm die Herausforderung an. Millimeter für Millimeter kämpfte ich mich voran, blutend an Händen und Armen und doch voller Hoffnung. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich gekämpft hatte, ich weiß nur noch das ich mit letzter Kraft das letzte Geäst zerschlug bevor ich mich auf einem leeren Platz wiederfand. Die euphorische Freude währte nicht lange. Meterhohe Mauern, unüberwindbar hatten meinen Platz umzingelt. Ich sah sie tanzend auf einer dieser Mauern. Einen Schirm in der Hand balancierte sie wie eine Artistin über den Dingen, bis sie sprang, den Schirm zur Rettung gespannt. Nicht in meine Mitte. Nein. Das unbekannte Jenseits der dicken Wände fing sie auf und lachte mir seinen Hohn herüber.

Langsam fiel ich in mir zusammen und schlief ein. Einen traumlosen Winter lang, bis ich im Frühjahr wieder erwachte, erwachte in dem kleinen Raum, wo meine Haare fast die Zimmerdecke berührten.

Dies wird die letzte Träne sein, die ich für sie weine. Mehr ist nicht geblieben als der salzige Geschmack der nun meine Lippen erreicht.

Mir gelingt ein winziges Lächeln.

Eine sonderbar wärmende Hand legt sich in meinen Nacken. Ich drehe mich zur Seite. Kein Wort sagt sie zu mir, sie schaut mich nur an. Ihr Blick ruht auf mir. Ich kenne ihn diesen Blick. Meinen Blick, wenn ich in den Spiegel schaue um zu sehen ob ich noch bin. Der Blick der ganz weich wird, wenn er mich erkennt, wenn ich mich erkenne.

Ich wünsche mir, dass sie nie wieder fort schauen wird, auch nicht wenn ihre Augen sich von mir abwenden oder sich zum träumen verschließen. Lass ihn auf mir Ruhen Deinen Blick du Sonderbare. Nichts was ich verbergen müsste vor ihm. Lese in mir. Erkenne mich. Verlass mich nicht.

Diese Kapitel aus „Schnee wie aus Zucker“ sind bisher erschienen:

Kapitel 1:   Die Nacht nährt die Gedanken

Kapitel 2:  Die Erkenntnis des Morgens

Kapitel 3: Der lange Weg zur Mitte

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2 Responses

  1. Pete J. Probe

    Liebe Alexa,
    wieder ein ganz toller Text von dir, in den man/Frau sich hineinversetzen muss, um ihn auch `deuten´ zu können. Er übermittelt so viele Bilder und Facetten und zeigt ganz viele Zusammenhänge auf.
    Muss ihn nochmal lesen, um die ganzen `Sprachbilder´ für mich einzuordnen, so ähnlich wie bei einer Traumdeutung.
    Vielen Dank für die tolle Inspiration!
    PJP

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