Hörbuch-Version:


 

Das morgendliche Nass der Straße erhebt sich zu einem nebligen Dunst, doch wohin auch immer ich trete ist die Sicht klar. Ich laufe ohne Plan meinem Weg entgegen. Neugier beflügelt meinen Schritt.

Langsam beginne ich die Welt um mich herum wahrzunehmen. Diese vielen Leben hinter vielen Fenstern. Jedes anders. Probleme gefangen in dicken Mauern. Der Geruch der Lust in noch ungemachten Betten. Die Angst, die mit am Frühstückstisch sitzt. Streit der durch verschlossene Scheiben wie ein pantomimisches Schauspiel wirkt. Zu viele Bilder in meinem Kopf. Haltet die Welt an. Ich will raus.

Ein kleiner Park tut sich vor mir auf. Eine Bank zum Ausruhen. Ich schließe meine Augen und bin taub für die Welt um mich herum. Nur mich spürend. Sand unter meinen Füßen. Sonne auf meiner Haut. Ich weder wach noch schlafend. Nur da. Vorhanden. Unendliche Ruhe bewohnt meinen Leib. Ein willkommener Gast.

„Ha! Drei Züge und Du bist matt“, dröhnt es von Gelächter begleitet. „Der König stand dort nicht! Kaum dreht man sich einmal um … verflixt es immer das Gleiche mit Dir!“, bellt es zurück. Die Welt hat mich wieder. Ich blinzle der Sonne entgegen und sehe ein wundervolles Bild. Ein alter Herr rennt aufgeregt um ein großes Schachfeld. Das Leben hat bezaubernde Linien in sein Gesicht gemalt. Die paar verbliebenen Figuren werden von allen Seiten betrachtet. Er brabbelt etwas, das ich nicht verstehen kann.

„Nochmal!“ blitzt es aus seinem Mund.

Die Antwort schallendes Gelächter. So schnell es nun mal eben geht wird die Armee neu formatiert, bereit zum Angriff.

„Schwarz beginnt, weiß gewinnt!“

In der Wut liegt die Zärtlichkeit einer alten Freundschaft und zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht.

Nackte Füße laufen an mir vorbei. Hinterlassen Spuren. Magnetische Spuren. Ich kann nicht anders und folge ihnen. Den Blick auf den Boden gerichtet. Noch. Die Spuren haben meine Größe. Ein Weg wie für mich geformt.

Asphalt! Unruhig suche ich den Fährtenleger. Da vorn, das muss sie sein. Ich laufe ein paar Meter. Sie erreicht das Ufer, bleibt stehen und lehnt sich an das Geländer. Als wäre dies ihr Platz. Als würde ein schwarzer Scherenschnitt die Stelle ersetzen, ginge sie von dort fort.

Ihre Energie ist magnetisch und zieht mich an. Ich lehne mich neben ihr an die Brüstung des Flusses. Ungeachtet dessen liegt ihre Aufmerksamkeit weiter auf dem Fluss, als schiene sie mich nicht zu bemerken.

Ich fühle mich wie ein Eindringling, aber der Blick lässt sich nicht von ihr nehmen. Schön ist sie, zart und unschuldig wie ein Kind erscheint sie im ersten Moment und dann doch wieder wild und voller Tatendrang.

„Wenn Du nicht weißt, wer Du bist – dann könntest Du doch ebenso gut eine Piratin sein.“

Ich bin mir nicht sicher, ob die Worte für mich bestimmt sind. Es macht mich nervös und wenn, was könnte ich erwidern. Wo liegt der Sinn?

„Na bitte der Kutter kommt ja wie gerufen!“ Weit weg an der Gabelung lässt sich der Rumpf eines Schiffes erahnen.

`Vielleicht ist sie verrückt‘, denke ich bei mir.

Sie schaut wie das Schiff sich nähert und da ich nicht so recht weiß was ich tun soll, warte ich einfach mit.

Warte bis es direkt vor unseren Augen vor Anker geht.

„Nun komm! Du musst aufsteigen, wenn Du ankommen willst!“

Sie winkt mich herbei und auch wenn ich nicht so recht weiß was ich von all dem halten soll, kann ich doch nicht anders als ihr zu folgen.

Diese Kapitel aus „Schnee wie aus Zucker“ sind bisher erschienen:

Kapitel 1:   Die Nacht nährt die Gedanken

Kapitel 2:  Die Erkenntnis des Morgens

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