Hochsensible Menschen haben so gut wie immer ihr Päckchen zu tragen. Sie gehen selten einfach so aus dem Haus und besuchen mal eben ganz locker den Geburtstag der besten Freundin, die Kirmes, die Betriebsfeier, das Grillfest bei den Verwandten. Was für viele Menschen ein Grund zur Freude ist, kann einen hochsensiblen Menschen schon ziemlich in die Enge treiben.

All die Gerüche die sie erwarten werden, die Geräusche, die ihnen nicht vertraut sind. Das laute Lachen, die grelle Stimme irgendwo oder auch nur das Anschlagen eines Glases zum Halten einer Rede können Menschen mit einem hochsensitiven und hochsensiblen Empfinden schnell zuviel werden.

Ihre Wahrnehmung ist (an)gespannt wie eine zu fest angezogene Seite einer Gitarre, die leiseste Erschütterung kann einen schrill schmerzenden Ton verursachen oder die Seite zum Reißen bringen.

Sie können ihr empfindliches Fühlen nicht einfach ablegen und zu Hause lassen. Es begleitet sie, wohin auch immer sie gehen.

Das ist weder gut noch schlecht, es ist einfach so!

Die Gesellschaft hat nur in den seltensten Fällen den Blick und das Verständnis für diese zarten Empfindungen. Sie werden fehlinterpretiert, als Gezicke und Getue verurteilt, belächelt oder ignoriert.

Nun könnte man als hochsensibler Mensch sich ja so gut wie möglich aus dem gesellschaftlichen Leben zurückziehen, aber will man das? Und selbst, wenn man es vorzieht – was das gute Recht eines jeden Menschen ist – sich von sämtlichen Veranstaltungen fernzuhalten, so kann doch nicht alles umgangen werden.

Wir haben für Euch einen Koffer gepackt. Er enthält ein kleines Notfallpaket, welches man bei sich tragen kann. Es soll Euch helfen mit mehr Mut und Freude einer Veranstaltung entgegen zu sehen und sie ohne größere Blessuren zu überstehen.
HSP Notfallkoffer
1. Finde die richtige Einstellung zu dir selbst!
Jeder Mensch, überall auf der Welt, ist einzigartig und besonders! Jeder! Vergiss alles was du darüber denkst und gehört hast. Ja du bist anders und ja du bist besonders, aber wirklich jeder Mensch ist besonders. Das ist kein Privileg, welches zum Beispiel speziell hochsensiblen Menschen zugesprochen werden sollte. Jeder Mensch ist anders. Jeder Mensch hat seine individuellen Eigenarten, die ihn von allen anderen Menschen unterscheiden.

Du fühlst dich vielleicht sehr verschieden von den Anderen. Das Gefühl „anders“ zu sein begleitet dich schon ewig. Dieses Gefühl hast du mit Millionen anderer Menschen gemeinsam. Du bist wie sie! Jeder Mensch durchlebt dieses Gefühl und ja: Du gehörst dazu! Du fühlst vielleicht intensiver, facettenreicher und genauer, aber unter dem Strich fühlen wir alle gleich.
2. Erwarte nichts von deinem Gegenüber!
Wie oft denkst du: „Warum versteht er mich denn nicht?“, „Kann sie nicht sehen, wie es mir geht?“?

Du hast den Blick für Feinheiten, für Gefühle, Stimmungen und Augenblicke. In kleinen Gesten und Mimiken spürst du dein Gegenüber. Es gibt hochsensible Menschen, die Stimmungen des Anderen allein durch dessen Gegenwart wahrnehmen können. Das macht dich zu einem guten Beobachter. Du erkennst vieles was Anderen verborgen bleibt, vieles auch, was gar nicht dazu bestimmt ist von dir erkannt zu werden.

Jetzt mache jedoch nicht diesen Fehler: Gehe nicht davon aus, dass dein Gegenüber – vor allem, wenn er keine HSP ist – deine Gefühle und Gedanken genauso wahrnehmen kann, wie du seine! Eine Andeutung wird oft überhört, eine Geste übersehen, eine Feinheit nicht wahrgenommen.

Das sollte uns wirklich völlig egal sein, wir sollten es nicht persönlich nehmen. Versuche für den Anderen klar und verständlich zu sein, verlange nicht, dass gesehen wird, was du an minimalistischen Signalen sendest. Was für eine hochsensiblen Person von Bedeutung ist, hat ein anderer Mensch oft schon im gleichen Moment wieder vergessen oder gar nicht erst wahrgenommen.

Erwarte nichts! (was nicht erfüllt werden kann, weil es gar nicht wahrgenommen wird)

Wirklich: Erwarte nichts und du kannst auch nicht enttäuscht werden.
Mir doch scheiss egal
3. Eine gehörige Portion Scheißegal-Gefühl
Du bist vollkommen richtig und in Ordnung so wie du bist: Mit all deinen Gedanken, Empfindungen und Bedürfnissen. Wirklich wahr! Absolut in Ordnung!

… und wenn irgendjemand das anders sieht, dann ist das verdammt nochmal scheißegal!
4. Eine immense Ladung Selbstbewusstsein
HSP ist weder eine Krankheit noch erwähnenswert. Es ist eine ganz normale Eigenschaft zu der wir stehen dürfen. Du magst etwas nicht? Das ist in Ordnung! Du brauchst eine Pause? Nimm sie dir! Gehe, wenn du gehen willst. Findest du ein Gespräch zu anstrengend oder langweilig, dann kannst du das Thema wechseln oder das Gespräch beenden.

Es ist wichtig deine Gefühle und Positionen klar darzustellen. Natürlich in einer für deine Mitmenschen verständlichen Art und Weise.

Wichtig ist dabei, dass du ganz bei dir bist, dir deiner Selbst ganz bewusst bist. Ein HSP neigt schonmal dazu sich in den Bedürfnissen, Gedanken und Gefühlen anderer Menschen zu verlieren – eben weil sie diese so stark wahrnehmen. Spüre deshalb immer wieder in dich hinein. Sei dir deiner Selbst bewusst.
5. Erlerne eine Atemübung, die dich beruhigt
Im Internet gibt es unzählige Anleitungen für Atemübungen. In YouTube wimmelt es nur so von Tipps für ein entspannendes achtsames Atmen. Suche die für dich passende Atemübung heraus und übe sie zu Hause einige Male, ehe du sie in deinen Notfallkoffer legst.

Die einfachste Methode ist immer noch einen tiefen Atemzug durch die Nase zu nehmen, die Luft kurz anzuhalten und langsam und vollständig durch den Mund wieder auszuatmen. Das Ganze einfach wiederholen bis du eine deutliche Entspannung spürst.
6. Finde die perfekte Entspannungsmethode für dich
Mit den Entspannungsmethoden verhält es sich wie mit den Atemübungen, unzählige Angebote lassen sich im Internet finden. Ein wenig kniffliger wird es schon, wenn man eine Methode sucht, die möglichst unauffällig vonstattengehen soll.

Wie wäre es damit:

Solltest du dich im Freien befinden, so suche dir den entferntesten Punkt am Horizont. Scanne mit deinem Blick Stück für Stück den Horizont, bis du ihn gefunden hast. Betrachte ihn einen Moment, lasse deine Gedanken schweifen und kehre dann zu dir zurück.

Horizont

In einem geschlossenen Raum eignet sich zum Beispiel folgende unauffällige Übung. Achte einmal auf deine Zunge. Meist ist sie in irgendeiner Art und Weise angespannt und dann gegen den Gaumen förmlich gepresst. Lege deine Zunge ganz bewusst im Mundraum ab. Du wirst schnell merken, dass sie bald komplett aufliegt. Der Vorteil: Deine Entspannung in der Zunge sorgt auch für eine Entspannung deines Geistes.
7. Habe das passende Mantra zur Hand
Ein Mantra sollte immer positiv wie eine Affirmation wirken. Es kann dich beruhigen und erden oder auch stärken, beschützen und dir Klarheit verschaffen. Es bringt deine Gedanken zur Ruhe. Fühle dazu einfach in dich hinein. Was brauchst du gerade am meisten und formuliere daraus ein für Dich passendes Mantra.

Beispiele:

Ich bin klar und strukturiert. (eignet sich besonders für ein Vorstellungsgespräch)

Ich bin ganz ruhig.

… oder was dir eben gut tut.

Dieses Mantra wiederholst du innerlich, bis sich der gewünschte Effekt eingestellt hat. Du kannst es jederzeit nutzen, wann immer du es brauchst. Dein Mantra kannst du jederzeit verstärken, indem du es mit einer Atem- oder Entspannungsübung verknüpfst.
8. Sei vorbereitet!
Plane im Vorfeld alles Schritt für Schritt. Was wirst Du anziehen? Suche Dir unbedingt Kleidung heraus, in der Du Dich wirklich wohl fühlst. Wie wird das Wetter sein? Welche Fahrverbindungen stehen Dir zur Verfügung? (Dieser Punkt ist auch wichtig, wenn Du von anderen Leute heimgefahren werden sollst – es macht Dich unabhängig von deren Entscheidungen.)

Sei unbedingt pünktlich, noch besser überpünktlich. Vielen fällt es schwer eine bereits vorhandene Gruppe zu betreten und sich dem Gefühl auszusetzen von allen Anwesenden angestarrt zu werden. Sei einfach vor den Anderen da und mache Dich schon einmal mit der Umgebung vertraut.

Sorge dafür, dass Du nicht den Boden unter den Füßen verlieren wirst: Trage möglichst flache Schuhe und habe einen festen Stand. Es wird Dir helfen Dich zu erden und Dir Ruhe, Kraft und Sicherheit geben.

Mache Dich nicht von Anderen abhängig. Treffe keine Vorabentscheidungen bei denen Du Dich mit Anderen abstimmen musst. Fahre zum Beispiel lieber selbst zum Zielort, als das Du gezwungen bist, zu einer exakten Uhrzeit abfahrbereit zu sein.

Habe genügend Geld dabei, so dass Du flexibel bleiben kannst. Vielleicht benötigst Du ein Taxi, weil die Bahn ausfällt oder Dein Fahrer zuviel getrunken hat? Sei gerüstet!
9. Lächle Deine Anspannung weg
Es läuft nicht optimal und Du merkst wie Deine Stimmung mehr und mehr kippt. Lächle! Im Ernst: Einfach lächeln, denn egal wie gekünstelt Dein Lächeln auch sein mag, jedes Lächeln mobilisiert Dein Gesichtsnerv und signalisiert Deinem Gehirn „Fröhlichkeit“. Gib alles: Je breiter und stärker Dein Lächeln – ob in Schieflage oder nicht – desto stärker der Effekt und umso größer die Chance, dass Dein Gefühl positiv wird.
10. Vergiss alle Punkte von 1-9 und finde Deinen eigenen Weg :-)
Gerade für Hochsensible sind Lösungen und Ratschläge, die für andere Menschen passen, nicht immer geeignet oder richtig. Die Lösung liegt in Dir selbst, denn nur Du weißt letztendlich was für Dich stimmig ist.

 

Artikel drucken Artikel drucken

8 Responses

  1. Emma

    „Ich packe meinen HSP Ausgehkoffer“! Find ich lustig und passt zu mir.

    Liebe Grüße Emma

    PS: Freue mich, dass ich diese Seite gefunden habe.

    Antworten
    • Daniela

      Hallo Angela, ich weiss schon seit 10 Jahren, dass ich eine Hsp bin, schon einiges dazu gelesen, letztes Jahr outete auch sich eine Freundin, worueber ich mich sehr freute. Was ich sagen moechte ist, dass diese drei Artikel hier sehr genau treffend und wundervoll geschrieben sind, dass ich mich richtig zu Hause angekommen gefuehlt habe. Und nunmehr dem Neuen in diesem Jahr mich noch besser oeffnen kann, gemeinsam mit dem Selbstbewusstsein als Hsp geboren zu sein, dies zelebrieren zu duerfen, einen Wert zu haben, es schmunzelnd zu leben. Dank eurer Artikel freu ich mich jetzt drauf. Es tut nicht mehr weh, wenn man aufhoert gegen die Wand zu laufen, in der Hoffnung doch noch bemerkt oder anerkannt zu werden. D.S.

      Antworten
      • Alexa Szeli

        Liebe Daniela, meinst Du mich mit Angela? Irgendwie ist heute der Tag, an dem ich lauter neue Namen bekomme. Es freut mich sehr, dass Dir die Artikel gefallen und Dir ein wenig weiter helfen konnten. Gegen die Wand laufen ist keine so gute Idee *schmunzel*, zelebrieren und sich des Lebens erfreuen dafür schon <3 Ich wünsche Dir ein Leben voller Magie und wundervollen Momenten, Alexa

  2. Honecker Carola

    Hallo , so wie ihr meine Krankheit beschreibt oder umschreibt hab ich beim lesen bemerkt das ich mir so wie ich bin gefalle .Viele Ratschläge aus dem Koffer hab ich schon umgesetzt ohne zu wissen das es gut geht . Ich lerne jede Minute meines Lebens neue Situationen kennen und liebe mein Leben . Ob ic mich je Outen werde weiß ich nicht .Muß ich aber auch nicht wer mich kennt weiß wie ich ticke und wer mich mag ist mein Freund . Auf die anderen kann ich verzichten . Schön das ihr da seit DANKE Caro

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.