Ist die Schlange dein Krafttier? Sie zischt durch hohes Gras, schlängelt sich durch Gewässer, verkriecht sich in dunklen Höhlen. Namen wie Schwarze Mamba oder Kobra lehren uns das Fürchten. Ihr Gift tötet und es tötet relativ schnell. Die Giftigste von allen aber ist die Inland-Taipan, die Oxyuranus microlepidotus. Ihre Heimat ist Australien und allein ein bis zwei Milligramm ihres Giftes genügen, um innerhalb einer guten Dreiviertelstunde das Zeitliche zu segnen. Auf der Rangliste der drei giftigsten Tiere der Welt schafft sie es auf Platz Nummer drei. Vor ihr liegen die Seewespe (eine Quallenart) und der Gelbe Mittelmeerskorpion.

Die giftigste Schlange Europas lebt südlich der Alpen, die Europäische Hornotter. Sie ist eine Viper. An ihrem Horn, an der Spitze ihres Mauls, ist sie gut zu erkennen. Schlangen verteilen ihr Gift über hohle Fangzähne, die im Oberkiefer sitzen – spitz wie eine Injektionsnadel. Beißen sie zu, verlieren sie schon mal einen Zahn. Dieser aber wächst nach. Bricht er also ab oder wird stumpf, so ist für Nachschub gesorgt.

Ähnlich wie bei der Spinne, rufen Schlangen bei vielen Menschen Angst und Ekel hervor. Wissenschaftlerinnen am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und der Uppsala University in Schweden fanden heraus, dass diese Reaktion in uns Menschen angelegt ist. Sechs Monate alte Babys reagieren gestresst, wenn sie eine Schlange oder Spinne sehen, ohne dass sie diesbezüglich negativ beeinflusst waren. Spinnen und Schlangen begleiten den Menschen und dessen Vorfahren seit 40 bis 60 Millionen Jahren – genug Zeit, um im menschlichen Gehirn ein Warnsystem zu entwickeln, das uns noch heute vor diesen Tieren zurückschrecken lässt.

Ekel hin oder her, ob wir Angst spüren oder nicht: Schlangen faszinieren uns. Geheimnisvoll, mystisch und wundersam erscheinen sie. Die Schlange Kaa aus dem Dschungelbuch hypnotisiert den kleinen Mogli. Die Kobra tanzt scheinbar zur Flötenmusik des Schlangenbeschwörers. In Wahrheit sind Schlangen taub und hören nichts von der Musik. Sie ruhen im dunklen Gefäß und das grelle Sonnenlicht blendet sie, sobald der Deckel des Korbes entfernt wird. Jetzt ist sie alarmiert. Schnell richtet sie sich auf. Sie fixiert das Erstbeste, das sie erkennt. Dies ist die Flöte, mitunter der Schlangenbeschwörer selbst. Dieser achtet penibel darauf, genügend Abstand zu halten. Bis zu gut dreißig Zentimeter passiert meist nichts. Unterschreitet der Schlangenbeschwörer diese Distanz, so beißt die Schlange zu. Das Ende der Flöte fest im Blick, folgt sie jeder einzelnen, noch so kleinen Bewegung und dies wirkt auf die Zuschauer, als tanze die Schlange zur Musik des Flötenspiels.

Schlange und Mond

Die Schlange in der Mythologie

Im Paradies täuschte die Schlange (der Teufel) Eva und verführte sie dazu, die Frucht vom Baum der Erkenntnis zu essen. Eine starke, weibliche Kraft war seit dem Aufkommen patriarchaler Strukturen nicht gewünscht. Die Schlange, ich gehe gleich näher darauf ein, begleitete einst die Frauen und war eng mit deren magischen Kräften verwoben. Um die Frau zu schwächen, beraubt man sie ihrer Kraftquellen. Im Juden- und vor allem im später folgenden Christentum verteufelten sie kurzerhand die Schlangen. Dieses Krafttier der Frauen wurde als das Böse, als der Teufel selbst stigmatisiert.

Die alten Kräfte der Welt gebaren sich aus der Mater, aus der unendlichen Kraft von Mutter Erde. Das war im aufkeimenden Patriarchat Blasphemie. Er, der „heilige Geist“, der Gott allein, galt als Schöpfer allen Lebens und somit ebenso der Menschen.

Blicken wir einmal in die Mythologien der nativen Völker.

Bei den Aborigines existiert die zweigeschlechtliche Regenbogenschlange. Sie ist ein Wesen der Zwischenwelt, der Traumwelt. Als weibliche Kraft lebt sie im Reich der Erde und formt Berge, Täler und Wasserlöcher.

In der haitianischen Religion des Voodoo ist Damballah der Vater aller Loa (=Geist), Menschen und Schutzgeister. Seine Frau ist, wie bei den Aborigines, eine Regenbogenschlange: Ayida Wédo. Gemeinsam stehen sie für die übergeordnete Vater- und Mutterfigur.

Bei den Azteken verkörperte eine gefiederte Schlange die Strahlen der Sonne, den Blitz und den Regen, sowie den Wind und somit die Attribute von Geist und Macht.¹

Im alten Griechenland beschützten Schlangen das Reich der Unterwelt. Die Schlange ist die Tiefe der Erde selbst. Ihre Häutung verspricht Wiedergeburt, ewige Jugend und Unsterblichkeit. Ebenso glaubten sie einst, Schlangen wissen um die Zukunft. Die Python, welche das Orakel von Delphi bewachte, tötete ein männlicher Gott: Apollon. Das Orakel von Delphi ist eine alte Weissagungsstätte. Bis zum 5. Jahrhundert hieß Delphi übrigens Pytho. Pythia hieß die oberste, weissagende Priesterin. In Trance verkündete sie ihre Prophezeiungen. Sie saß über einer Spalte in der Erde (war also mit der Erdkraft verbunden!) auf einem Dreifuß im Adyton des Apollontempels.

In der nordischen Mythologie umspannt die Midgardschlange die gesamte Welt, das Reich Midgard. Jörmungand ist ihr Name. Sie ist eines der drei unheilbringenden Kinder des Gottes Loki – die Unterweltgöttin Hel, der Fenriswolf und eben die Miðgarðsormr, wie sie bei Snorri heißt.

In der Mythologie finden sich mächtige weibliche wie männliche Schlangenwesen, oft Mischwesen. Einige Schlangen tragen Flügel und sind den Drachen zuzuordnen. Überhaupt sind Schlangen- und Drachenkraft eng miteinander verwoben. Im Hinduismus ist die Schlange der Lingam, der Penis des Shiva – eine starke männliche Sexualkraft. Die Kundalini-Schlange hingegen ist weiblich und ruht eingerollt im Beckenraum, am Grunde des Wurzelchakras. Sie ist eine schlafende, ätherische Energie, die mit der Erleuchtung aufsteigt und dabei die Energiezentren der Hauptchakren durchstößt.

Die Schlange ist mal die Göttin selbst, mal ihre Begleiterin. So manch einer Mond-, Wasser- und Erdgöttin steht sie treu zur Seite. Die Schlange windet sich um die Göttin herum oder diese hält sie mit ihren Händen.

Odin und die Midgardschlange

Die Symbolkraft der Schlange

Die Schlangenkraft ist eine tiefe, intuitive Kraft. Sie ist das pure Leben, wenn sie als Kundalini aufsteigt. Sie ist aber auch der Tod, wenn ihr Gift tötet. Sie ist die Wiedergeburt und die Erneuerung, wenn sie sich häutet. Auf Kreta war die Schlange im Rahmen des minoischen Schlangenkultes ein Attribut der Großen Göttin, ein Symbol der Fruchtbarkeit, des Heilwissens, der Geburt und der Wiedergeburt.

Als das Heilwissen den Händen der Frauen entrissen war, stand die gewundene Äskulapnatter für die Kraft des heilenden Gottes Asklepios.

Wie bei der Midgardschlange ist sie aus rein kosmischer Sicht ein Wesen der Ur-Ozeane, welche mitunter die gesamte Welt trägt. In alten griechischen Schriften umkreist sie die Welt als Ouroboros, als eine sich selbst beißende Schlange. Am Ende ihrer Reise kommt sie immer wieder am Anfang, also bei sich selbst an. Die Schlange ist somit eng mit dem zweiten Prinzip der Hermetik verbunden: Wie oben so unten.

Ouroboros

Krafttier Schlange

Die Schlange ist eines meiner eigenen Krafttiere, neben dem Drachen und meinem Haupttier, dem Hirschen. Sie kam zuerst in meinen Träumen zu mir. Bedrohlich griff sie mich immer wieder an. Bis ich mich beißen ließ. Beziehungsweise bereit war, mich beißen zu lassen. In dem Moment stoppte sie ihren Angriff und wand sich um meinen Körper – nun ganz und gar nicht mehr bedrohlich. In meinen schamanischen Reisen taucht sie meist gemeinsam mit Drachen auf.

Mein Seelenort ist ein mit Fell ausgelegtes, zerbrochenes Drachenei in einer tiefen Erdhöhle – von Schlangen und Drachen gleichermaßen beschützt. So ist es nicht verwunderlich, dass ich mich intensiv mit der Kraft der Schlangen, Drachen und natürlich der des Hirsches beschäftigte.

Mich persönlich erstaunt ebensowenig der Zeitpunkt, an dem die Schlangen in mein Leben traten. Es begann, als ich selbst eine tiefe Reise der Transformation antrat, die noch immer andauert. Die wunderbare Jeanne Ruland beschrieb es so:

Im Wandel der Zeit –

mach dich bereit! –

tret‘ ich auf den Plan,

denn es steht Großes an.

Ich verleihe dir Macht und Ehre,

gehst du bei mir in die Lehre.

Lass mich tanzen in deinem Sein,

ich fordere die Priesterschaft in dir ein.

Das tat die Schlange bei mir, aber um welche Art der Priesterschaft es sich dabei handelt, ist heute nicht das Thema. Dieses Wissen teile ich bisher nur mit drei Leuten und dabei bleibt es erstmal.

Die Schlange ist ein chthonisches Wesen. Sie gehört den Kräften der Erde und der Unterwelt an. So ist ihre Essenz mit der des Ursprungs verbunden und zu diesem führt sie uns zurück – notfalls mit ihrem Gift. Wie im Kundalini weckt sie die tief in uns verborgenen Kräfte. Sie sind immer da, begleiten uns mit jedem Atemzug und darüber hinaus. Die Schlange sagt: „Komm in deine Macht. Erkenne deine Macht.“

Wie die Schlange selbst steigen wir dafür oft in dunkle Höhlen hinab, durchqueren Sumpf und Moor – ein Biotop, welches beispielsweise die Kreuzotter besonders liebt. Zeigt sich die Schlange, ist es Zeit, die alte Haut abzustreifen. Wir häuten uns im Leben das ein oder andere Mal, wie bei einer Zwiebel nähern wir uns mit jeder Schale die fällt unserem eigentlichen Kern.

Es ist wie ein Tanz der Spiralen hinab zum Ursprung unserer Seelenessenz. Mal tanzen wir mit dem Leben, mal mit dem Tod. Mal mit dem Licht, mal mit dem Schatten. Die Knochenfrau klappert mit uraltem Gebein. Ruft uns zu sich und lädt uns ein, Schwelle um Schwelle tiefer zu steigen. Andere Frauen stehen an den Rändern, spucken Feuer, singen alte Lieder, lachen mit zahnlosem Mund, blasen uns ihren Sturm und ihren Staub ins Gesicht. Sie alle halten ein Geschenk für uns in den Händen, eine Medizin, die uns transformiert und/oder heilt, wenn es nötig ist.

Mitunter erhebt sie sich, um uns zu warnen. Die Macht, von der ich sprach, trägt zwei Seiten. Nutzen wir sie, um aufrichtig, loyal und ehrlich zu sein, so ist alles gut. Missbrauchen wir die Macht, um uns selbst zu bereichern, um uns über Andere zu erheben, dann zeigt die Schlange uns ihre wirklich dunkle Seite.

In seltenen Fällen taucht sie auf, um dich vor schwarzmagischen Einflüssen zu warnen.

Die Schlange verbindet dich mit uraltem Wissen, mit dem, was in den kosmischen Gesetzen geschrieben steht – uralt und mysteriös wie die Schlange selbst. Schaue gut, welche Botschaften sie für dich hat. Reicht sie dir ihr Gift oder schenkt sie dir die Chance auf Heilung? Erwacht die Schlangenkraft in dir, so lege alle Furcht ab. Lasse es zu, dass sie sich um dich windet wie eine zweite Haut und steige mit ihr in die Tiefe der Erde hinab, um von der Großen Göttin selbst zu lernen.

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