12. Juli 2016 Der nicht ganz alltägliche Alltag eines Hochsensiblen
  • Zerissenheit HSP

HSP: Aus dem nicht ganz alltäglichen Alltag einer Hochsensiblen

Der Biergartenbesuch – Ein Selbst-Erfahrungsbericht

Parkplatz gesucht. Es ist heiss. Es ist voll. Ich bin gestresst, verschwitzt, falsch angezogen, versuche mir nichts anmerken zu lassen. Die quirlige Stimmung schlägt mir entgegen. Ein buntes Gewimmel voller Muster, Gerüche, Geräusche und Farben.  Um zu bestellen müssen wir in der Schlange stehen. Hinter uns drängeln und schubsen die Leute. Ich versuche irgendwie den Durchblick zu bewahren. Wo müssen wir uns eigentlich anstellen? Wo bezahlen? Irgendwo läutet ständig eine Glocke. Das irritiert mich. Die Weidenzweige wehen sanft im Wind, sie glitzern wunderschön in der Sonne.

Der Hautkontakt mit Fremden ekelt mich. „Der Typ scheint es aber nicht böse zu meinen“, versuche ich zu denken und ruhig und freundlich zu bleiben. Er atmet mir in den Nacken. Das ist mir dann entschieden zu viel.  Ich versuche hinter meiner Frau Schutz zu suchen.

Die Gespräche sind laut und die Menschen leicht angetrunken. Das mag ich gar nicht. Mir ist etwas übel vor Hunger und die sommerlichen Temperaturen mischen sich mit Schweiß, Rauch, Knoblauch, Fisch und Alkohol. Ich rieche selbst etwas unangenehm. Das stört mich sehr.

Ich will eigentlich nicht raus nach meinem langen Arbeitstag, doch würde ich es nicht machen, würde es mir auf Dauer auch fehlen. Sozialkontakten in Menschenansammlungen bin ich immer ambivalent gegenüber eingestellt.  Ich weiß, dass ich aber auch nicht immer zu Hause bleiben kann und das es an der Zeit ist mal wieder raus zu gehen.  Meine Frau und mein Sohn wünschen es sich so sehr, also tue ich ihnen den Gefallen. So stehen wir in diesem kleinen schönen Biergarten, der natürlich bei dem schönen Wetter abends voll ist. Diese Idee hatten heute wohl alle in unserer Nachbarschaft.

Die Bestellung

Ich versuche abzuschalten und ein Essen zu wählen. Das ist völlig unmöglich, denn ich erkenne die Speisekarte nicht.

Erst als ich schon so gut wie dran bin, kann ich sie sehen. Ich bin sehr gestresst. Ich weiß, dass ich nicht genug Zeit haben werde sie durchzulesen und ich nicht zwischen den ganzen Nachteilen abwägen kann. Immer wenn andere Leute als meine Frau oder ich das Essen zubereiten, hat das meist einen Haken für mich.  Die Bedienung ist geduldig, entspannt und ziemlich dick. Ich stelle mir vor wie sie aussehen würde, wenn sie dünner wäre. Sie wäre sehr hübsch mit ihrer olivfarbenen Haut und den Sommersprossen. Spätzle könnten gehen! Obwohl – zu viel Weissmehl und davon bekomme ich immer Bauchweh. Sie spielen ein schönes Lied, ich mag das. Ist ein bisschen laut, gefällt mir sehr. Ich beobachte wie die Bedienung sich die Finger ableckt bevor sie mit einer kleinen Kirschtomate meinen Salat garniert und ekel mich sehr.

Meine Frau ist ganz zufrieden, das freut mich. Ich sage nichts wegen dem Ablecken der Finger, ich möchte ihr nicht den Appetit verderben. Später werde ich die Tomate nicht essen.

Die Hollerschorle ist kalt und süss. Lecker. Schmeckt überraschend nach Holunder. Ein Hund läuft herum, wem er wohl gehört? Er sieht alt aus, hechelt und hat kahle Stellen. Er sieht aus als würde man sich nicht gut um ihn kümmern. Ich bin in Gedanken bei dem Tier und schaue ihm hinterher. Zu wem mag er wohl gehören? Er sucht nach Essbarem und läuft durch den Sandkasten. Das gefällt der Mutter nicht, sie klaubt ihr Baby aus dem Sand. Ich finde die Mutter entsetzlich blöd, denn der Hund hat dem Baby nichts getan. Das Baby schaut erschrocken, nicht wegen des Hundes sondern wegen der Mutter. Ich merke wie ich sie verurteile, was ich eigentlich nicht möchte. Mein Sohn reisst mich vehement aus meinen Gedanken. Er will das teuerste Gericht. 14 Euro.  Zu teuer, aber ja klar. Ich habe keine Kraft für eine Diskussion, das wäre mir jetzt zu viel und erlaube ihm alles was er will. Den missbilligenden Blick meiner Frau nehme ich wahr, kann aber nichts dagegen tun. Ich wünsche mir endlich diese Schlange zu verlassen und einen ruhigen Tisch zu finden.

Versuch eines Gespräches

Ich nehme vor lauter Geräuschen und Gerempel alles nur noch verschwommen war. Trotte meiner Frau hinterher. Bin froh, dass sie so ruhig bleibt und zielstrebig einen freien Tisch ansteuert. Einen Platz zu finden und zu wählen hätte mich jetzt gänzlich überfordert.

Igel im BiergartenDa sitze ich nun, mit einer Brezel und Salat, es schmeckt okay. Ich habe Staub im Auge oder eine kleine Fliege. Es schmerzt. Mein Auge schwillt an und brennt.  Mein Sohn ist glücklich. Meine Frau erzählt mir etwas über unser neues Projekt. Ihre Augen sehen toll aus und leuchten in der Sonne. Sie sieht immer wunderschön aus. Es ist zu windig hier, mag ich gar nicht! Der Hund läuft immer noch herum. Ich entdecke einen Igel am Rand in den Büschen. Hoffentlich tut ihm der Hund nichts. Warum läuft der Igel um die Uhrzeit herum? Er ist doch nicht etwa krank? Ob ich nach ihm schauen soll?

Meine Frau bemerkt, dass ich ihr nicht zuhöre und spricht mich an. Ich erschrecke und versuche krampfhaft die Situation zu retten und frage nach den Pfandmarken. „Hast Du sie eingesteckt?“ Ein nicht sehr geschickter Ablenkungsversuch. Natürlich bemerkt sie, dass ich total verpeilt und unaufmerksam bin. Das tut mir leid. Ich sehe eine Frau mit tollen Haaren. sie ist nicht hübsch. Der Haarschnitt auch nicht denke ich, aber beides zusammen irgendwie faszinierend. Es passt so gut zusammen, zu ihrem königsblauen Sommerkleid. Die blasse Haut. Sie sieht so ernst aus, viel zu ernst für ihr junges Alter. Das Kleid hat einen chinesischen Kragen und und wird von einem einzigen Knopf im Nacken zusammengehalten. Bezaubernd. Das muss ich mir merken. Es ist nicht königsblau, es ist mittelblau, mit einem Hauch ins Kalte. Erinnert mich an einen Film. Ich denke nach an welchen, schaue schnell weg. Die Frau hat sicher bemerkt, dass ich sie anstarre. Ich hoffe noch, dass meine Frau es nicht bemerkte. Ich gehe schnell aufs Klo, um zu flüchten, und geniesse einen kurzen Moment Ruhe.

Ein kurzer Moment der Stille

Ich befeuchte meine Stirn mit Wasser und erschrecke vor meinem Spiegelbild, Ich habe Augenringe und sehe erschöpft aus. Mein T-Shirt steht mir nicht. Das rote, brennende Auge komplettiert das Bild. Ich versuche das schlechte Gefühl zu verdrängen, atme tief durch und richte mich wieder auf. Versuche mir einzureden, dass nur ich mich nicht hübsch genug sehe. Anderen fällt das vielleicht gar nicht so auf.

Rückkehr

Ich gehe zurück zu meiner Familie und weiche dabei dem Tisch meiner ehemaligen Kollegen aus. Jetzt bloß kein, für sie, belangloses Geplauder. Ich weiss nicht, ob sie mich erkennen. Kurz denke ich, dass es schade ist, nicht einfach hinzugehen. Wie traurig, Menschen die man einmal jeden Tag gesehen hat, jetzt absichtlich zu ignorieren und für immer zu verlieren. Es würde mich zu große Überwindung kosten zu ihnen zu gehen. Mich in den Mittelpunkt der Gruppe zu stellen, die Situation vorher nicht einschätzen zu können. Es wäre unglaublich anstrengend für mich.

Das Baby weint jetzt. Es tut mir leid. Ich denke es ist ihm zu heiss. Es ist komplett in lange weiße Klamotten gehüllt. Eine Wespe setzt sich auf seine schokoladen- und tränenverschmierte dicke Wange. Die Mutter merkt das nicht. In mir spannt sich alles an, es ist als würde die Wespe mich auch gleich stechen. Gleich würde das Baby entsetzlich laut schreien, ich spüre schon fast den Schmerz. Ich wünsche mir so sehr, dass sie wegfliegt und sie fliegt. Gott sei dank.

Allein unter vielen

Mein Sohn erzählt etwas. Es ist gut, dass wir hier sind. Es fühlen sich alle wohl und wir unterhalten uns. Mein Sohn ist stolz, er hat schöne Neuigkeiten, Erfolge zu berichten. Das macht mich glücklich. Gut, dass ich mich aufgerafft habe. Es tut der Familie gut. Das ist mir sehr wichtig. Wir sollten öfter etwas zusammen machen. Ich nehme einen Geruch wahr, es ist der unangenehme Geruch von vorhin aus der Schlange. Das bin doch nicht ich selbst? Nein! Sehr gut, es ist der selbe Typ, der hinter mir war.

Es tröpfelt jetzt. Noch merkt es keiner. Kleine Punkte entstehen auf dem zarten blauen Sommerkleid der aparten jungen Frau. Regentropfen

Die Mutter ist die Erste, die es auch bemerkt. Sie packt hektisch das Baby ein, fasst es an wie einen Gegenstand, der nicht schmutzig werden darf. Ich finde sie jetzt noch blöder und das Baby noch ärmer. Ich stelle mir vor, wie es älter wird und später eine anankastische Persönlichkeit entwickelt, magersüchtig wird und nach dem super Abi zusammenbricht. Alle wundern sich und tuscheln: „Wie konnte das passieren?“ und ich denke: „Ich wusste es schon an diesem Sommertag, an dem es ein kleines sandiges Windelkind war. Es liegt an der reinweißen, zart geblümten Bluse der Mutter, diesem strengen Zug um den Mund, ihrem perfekten Gang und dem nichtssagenden Vater, der sich an seinem Bier festhält.“ Ich ermahne mich selbst. So überhebliche, klischeebehaftete und niveaulos schlechte Gedanken sollte ich nicht haben. Schliesslich kenne ich die Familie gar nicht.

Wirklich überall sind Wespen. Ich habe Panik, dass eine zu mir kommt. Ich habe grosse Angst vor Wespen. Ich habe Angst vor Schmerzen und will auch nicht mit der riesigen Schwellung herumlaufen die so ein, eigentlich harmloser, Stich bei mir verursacht. Die Fragen, die mir Andere stellen würden, wären mir extrem unangenehm. Kurz, ich reagiere auf Wespen ziemlich panisch, was mir in der Öffentlichkeit sehr peinlich wäre. Wie gut, dass keine herkommt. Sie interessieren sich mehr für das Fleisch und den Alkohol am Nebentisch.

Hinter uns reden zwei junge Frauen über ein sehr intimes Thema: Liebesgeschichten, die nicht klappen wollten. Ich bekomme jedes Wort mit: Es geht um einen Mann, der mit seiner Schwester lebt und sich auf keine Partnerin einlässt. Die Geschichte fesselt mich, es ist wie ein Sog. Voller Emotionen. Das Gespräch macht mich traurig und ein bisschen aufgeregt. In meinem Kopf kreisen Ideen, wie man den Mädchen helfen könnte.

Die Bierbänke sind gänzlich ungeeignet um bequem zu sitzen. Der Tisch ist schmutzig und riecht nach Fisch. Das hinter mir direkt jemand sitzt und ich keine Lehne habe verursacht bei mir eine starke Unsicherheit und ein nervöses Gefühl. Ständig dieses Gewackel, wenn jemand anderes auf der Bank sich bewegt. Das macht mich ganz wirr. Wo soll ich nur meine Sachen hin tun? Meine Tasche? Meinen Pulli? Ich muss aufpassen, dass nichts runter fällt. Hoffentlich klaut keiner was! Ich brauche immer sehr viele Sachen, sonst kann ich mich nicht wohl fühlen. Wird es kalt wird, brauche ich sofort einen Pulli. Scheint die Sonne, eine Sonnenbrille. Ein Taschentuch falls mir die Nase läuft. Diese Dinge schützen mich in solchen Situationen, vor den Umwelteinflüssen. Das alles muss aber irgendwo verstaut werden.

Diese Geräusche, diese Nähe zu Fremden, keine Möglichkeit mich abzugrenzen, Essensgeräusche, triefendes Fett von Tierleichen an den Händen der Tischnachbarn. Ich ertappe mich, wie ich entsetzt hinsehen muss und in eine Starre verfalle. Zigarettenrauch, Lachen, fettige Küsschen zur Begrüssung, sich zuprosten. Es ist eine laute, fröhliche Welt. Sie erscheint mir fremd. Eine Fremde die mich manchmal anzieht, selten aber mitten hinein.

Kurzer Moment der Harmonie

Ich bekomme überhaupt nichts mit von meiner Familie. Was haben sie bloß die ganze Zeit geredet? Es tut mir so leid. Krampfhaft versuche ich ein normales Gespräch in Gang zu bringen, aber es klappt nicht. Ich rede über das Essen. Sie wissen beide, dass es komisch ist für mich. „Das merkt man“, denke ich, oder nicht? Ich bereue, dass ich die Zeit mit den Beiden zusammen nicht für eine Begegnung nutzen konnte. So viele Eindrücke. Ich sehe wieder die Frau mit dem blauen Kleid, den Hund, ein Kind mit roten Locken, das Baby. Dieser Gestank, jemand raucht und jemand lacht. Ich habe fast alles aufgegessen und gar nicht bemerkt wie es schmeckte. Zu viel Ablenkung. Macht nichts, aber ich fühle mich einfach voll.

Die eklige kleine Kirschtomate liegt noch auf meinem Teller. Die Gedanken an das Ablecken der Finger quälen mich immer noch und ich erzähle meiner Frau davon. Sie findet es auch entsetzlich.

Lichter

Es wird schon etwas dunkel. Sie zünden jetzt kleine Lichter an. Das erzeugt eine wunderbar romantische Stimmung.  Es hat wieder aufgehört zu regnen und im Schutz der Dämmerung und im Schein der Kerze schaffe ich es mich auf ein schönes Gespräch einzulassen. Ich stelle viele Fragen und nehme meine Frau sowie meinen Sohn wahr. Ich bin sehr dankbar, dass ich es geschafft habe mich doch noch zu entspannen.

Heimweg

Auf dem Heimweg bin ich ein bisschen wehmütig. Diese Momente kommen so selten vor. Ich wünsche mir endlose Nächte am Lagerfeuer, Glühwürmchen, Zeit mit lieben Menschen. Ich träume so vor mich hin.

Meine Frau fragt: „Was ist denn los?“ Ich sage: „Nichts, nichts. Alles gut.“ Ich versuche wieder normal zu wirken. Das jetzt zu erklären wäre doch wirklich zu kompliziert.

In mir bin ich sehr dankbar für diesen Abend und sehr sehr müde. Eigentlich mag ich jetzt nicht nach Hause. Schade, dass es schon vorbei ist.  Gerade jetzt, wo ich es endlich geschafft habe, mich ganz auf die Situation einzulassen. Ich habe wohl einfach zu lange gebraucht.


Wir sind jetzt schon fast zwei Jahre nicht mehr in einem Biergarten gewesen. Vielleicht ist es Zeit mal wieder hin zu gehen? Fremden Menschen unerträglich nah zu sein inmitten von buntem Gewimmel.

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Juli 27th, 2015|Kategorien: SPIRIT|Tags: , , |