Überall begegnet uns gerade der Ruf nach Female Rage.
Frauen sollen wütend sein. Sie sollen lauter werden und ihr Feuer zurückholen.
Wie sehr ich diesen Ruf verstehe.
Aber was, wenn die Wut im eigenen Inneren nicht lodert, sondern schweigt?
Ich sehe enthusiastische Reels und lese flammende Appelle. Und ich sitze da, blicke in mein Inneres und finde: Stille.
Schweigt deine Wut auch?
Vielleicht geht es dir wie mir.
Du verstehst den Ruf nach Wut. Du verstehst ihn sogar gut. Aber der Körper antwortet nicht. Er reagiert einfach nicht. Oder nicht rechtzeitig, nicht genug.
Oder an der falschen Stelle – wenn das Marmeladentoast vom Tisch segelt und natürlich auf die falsche Seite landet. Und vielleicht denkst du dann:
Na toll.
Ausgerechnet jetzt.
Ausgerechnet wegen so einem Scheiß.
Was stimmt denn mit mir nicht?
Und dann kommen Tränen. Oder auch nicht. Manchmal nicht einmal mehr das.
Mit dir ist nichts falsch.
Ich weiß nicht, was dir widerfahren ist. Aber ich glaube nicht, dass diese Stille grundlos da ist.
Ich kenne das.
Es gab eine Zeit in meinem Leben, da war die Wut wie eine zweite Haut. Als Kind und als Jugendliche war sie oft mein einziger Schutz gegen eine Welt, die alles andere als sicher war.
Sie schenkte mir Lebendigkeit. Und das Gefühl, mich wehren zu können.
Das Leben hörte nicht auf, mir Dinge zuzumuten, die ein Mensch allein kaum tragen kann.
Aber irgendwann war die Wut fort. Das Feuer war erloschen. Vielleicht passiert genau das, wenn die Wut zu oft ins Leere läuft.
Wenn sie nichts ändert.
Mein System hat die Notbremse gezogen.
In der Sprache der Runen ist das für mich Isa (ᛁ).
Stillstand.
Das ewige Eis. Es schützt den Kern vor dem Verglühen. Aber es trennt uns auch von etwas. Es isoliert uns von unserer Kraft und unserer Lebendigkeit. Es nimmt uns das Feuer, das einmal da war.
Darüber wird zu wenig gesprochen
Nicht die wütende Frau zu sein, kann sich anfühlen wie eine Ausgrenzung. Aber nicht jede Frau, die heute still ist, ist friedlich. Nicht jede leise Frau ist weich geworden. Nicht jede Frau, die nicht aufbegehrt, hat nichts begriffen.
Manche von uns haben zu viel begriffen. Zu früh. Zu lange.
Wir haben begriffen, dass Wut uns nicht schützt. Dass sie nichts ändert. Dass sie uns allein lässt mit dem, was danach kommt.
So wurde sie still.
Vielleicht nicht für immer, aber tief genug, dass wir sie im entscheidenden Moment nicht mehr erreichen.
Vielleicht bist du stattdessen müde?
Die Wut, das ist die heilige Kraft der Beschützerin. Sie ist die Bärin, die für das Leben einsteht. Wenn wir heute keine Wut mehr spüren, ist das kein Zeichen von „spirituellem Frieden“, sondern eine tiefe Wunde. Uns wurde das Recht auf unsere Grenzen so lange abgesprochen, bis wir verlernt haben, unsere Grenzen zu schützen.
Meist sind wir dafür zu müde. Es hat alles so viel Kraft gekostet. Diese Enge. All die Tränen.
Zurück bleibt dieses merkwürdige Gefühl, dass etwas in uns dauernd zu viel aushält und wir trotzdem kaum Zugang zu unserer eigentlichen Kraft finden.
Ich glaube, viele Frauen kennen genau das. Sie spüren nicht die große, heilige Wut. Sondern ihr Schweigen.
Ich glaube nicht, dass wir uns dieses Feuer einfach zurückholen, weil gerade überall dazu aufgerufen wird. Was erstarrt ist, lässt sich nicht rekrutieren.
Es braucht etwas anderes. Sicherheit. Wahrheit. Verlässlichkeit.
Nicht noch einen Raum, in dem wir funktionieren müssen. Es muss ein Raum sein, in dem auch die schweigende Wut da sein darf.
Vielleicht erhebt sie sich dort als ein leises, erstes inneres Grollen.
Es braucht Ehrlichkeit.
Wenn wir uns eingestehen: „Ich weiß nicht, wie Wut geht“, hören wir auf, uns auch an dieser Stelle noch fremd bestimmen zu lassen.
Ich mache mich auf die Suche. Mit dir, wenn du willst. Ich suche nicht das, was verbrannt ist. Ich suche nach der Glut unter der Asche.
Ich erlaube mir kleine Schritte. Ich erlaube mir auch, vorsichtig zu sein.
Wenn du magst, geh ein Stück mit mir. Hier. Im Newsletter. Vielleicht auch auf Social Media.
Vielleicht erzählst du mir deine Geschichte. Wann bist du erstarrt? Wenn wir einander offen begegnen und bezeugen, dass unser „Nicht-Fühlen“ eine Form von Schutz war, beginnt das Eis zu tauen.
Bist du bereit, mit mir in den Keller deiner Seele zu gehen und nach der Glut zu suchen?
Schreib mir in die Kommentare:
Ist deine Wut noch lebendig?
Wo in deinem Körper spürst du die Stille?
Was fühlst du bei diesen Zeilen?
Ich bin hier, um daran zu erinnern, wer wir waren, bevor wir leise wurden.
Sei behütet,
Alexa



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